Hörbericht zum Fachtag Begleitforschung

Begleitforschung zum Erfolgsmodell WmI

Individuell und selbstbestimmt wohnen – aber nicht alleine sein. Das ist das Ziel der Fürst Donnersmarck-Stiftung mit dem Projekt „Wohnen mit Intensivbetreuung“, kurz WmI. An zwei Standorten in Berlin bieten 34 barrierefreie Einzelappartements schwer- und mehrfachbehinderten Menschen die Möglichkeit, so eigenständig wie möglich zu leben. Eine wissenschaftliche Begleitforschung hat das Projekt von Anfang an begleitet. Ende August wurden die Ergebnisse bei einer Fachtagung in der Villa Donnersmarck in Berlin-Zehlendorf vorgestellt.

Die Stadträtin des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg, dort befindet sich eine der beiden Wohnanlagen. Dr. Sybill Klotz, fragte in ihrem Grußwort, ob diese Form der Ambulantisierung richtig sei. Ihre Antwort war eindeutig:

Dies scheint aber zweifelsohne der Fall zu sein, denn es gibt keine Bewohnerin, keinen Bewohner, die oder der in den vollstationären Bereich zurückkehren möchte. Und insgesamt wird der Umzug in den Seelbuschring als Zugewinn durch die größere Teilhabe an der Gemeinschaft gesehen. Auch deshalb kann das WmI der Donnersmarck-Stiftung mit Fug und Recht als richtungweisend betrachtet werden.

Prof Karl Wegscheider ist Vorsitzender des Beirats zur Begleitforschung. Er beschreibt die Fragestellung:

Müssen Menschen mit chronischen neurologischen Einschränkungen ihr Leben lang stationär untergebracht sein? Da muss man sagen, dass in Deutschland die Situation jahrelang so war, dass das zwar diskutiert wird, dass man das auch mal anders machen könnte, aber es nicht allzu viel Modellprojekte gab, wo es ausprobiert wurde. Insofern war das - von der Stiftung aus betrachtet - ein mutiger Schritt in ein Neuland, sich dieses „Wohnen mit Intensivbetreuung plus ambulanter Versorgung“ einfallen zu lassen, was jetzt hier realisiert worden ist.

Ziel der Untersuchung war es, herauszufinden, wie sich die gesundheitliche Entwicklung, die Lebensqualität und die Sozialräumlichkeit der betreffenden Personen mit hohem Betreuungsbedarf nach dem Einzug in das WmI entwickeln. Dazu wurden über zweieinhalb Jahre 40 Teilnehmer in regelmäßigen Abständen befragt. Karin Wolf-Ostermann von der Alice Salomon Fachhochschule zieht zum Abschluss der Studie ihr Fazit:

Der Umzug in solch eine ambulant betreute Wohnform hat trotz dieser ganz erheblichen Veränderungen in der persönlichen Lebenssituation , die stattgefunden haben, nicht zu einer Verschlechterung der sozialen und gesundheitsbezogenen Ergebnisse geführt. Und auch nicht zu einer Zunahme von Angst oder Depression.

Positiv sei aufgefallen, dass es mehr Kontakte zur Umgebung gab, als zuvor im stationären Wohnen:

Infolge des Umzugsprozesses beobachten wir, dass mehr Inklusion in der Form stattfindet, dass die TeilnehmerInnen der Studie mehr kulturelle Veranstaltungen besucht haben. Was auch auffällig ist - schon alleine durch die Wohnform - geht fast jeder raus, um Einkäufe zu erledigen. Das ist sicher etwas, was man sehr positiv bewerten muss, wenn man schaut, wie sieht es aus mit den Dingen, die wir über Inklusion schreiben, dass Personen in ihrem Umfeld mehr verankert sind und mehr Kontakte haben.

Nach der Präsentation der Forschungsergebnisse entstand eine lebhafte Diskussion. Dabei wurde unter anderem auch das hohe Risiko für die Klienten angesprochen. Kirsten Bielefeld, Bereichsleiterin ambulant betreutes Wohnen der Donnersmarck-Stiftung, beschreibt ein Beispiel:

Je vielfältiger die Möglichkeiten um die Menschen mit Behinderung herum sind, desto größer sind ihre Chancen zur Autonomie, aber auch ihr Risiko, an der Komplexität der Umwelt zu scheitern. Der Rollstuhlfahrer im betreuten Wohnen verlässt seine Wohnung, um Geschäfte zu erledigen. Er macht das in der Vergangenheit erfolgreich immer auf dem ihm bekannten Weg. Nun probiert er einen anderen Weg aus und verliert die Orientierung.

Es wurde in der Diskussion mehrfach betont, dass sich auf der einen Seite Risiken nicht vermeiden lassen. Auf der anderen Seite gewinnen die Bewohner aber Freiheit und Selbstbestimmung. Bei der Beurteilung der Risiken spielen die Mitarbeiter der Wohneinrichtungen eine wichtige Rolle. Sie müssten mit den Klienten bestimmte Wege oder Abläufe üben und einschätzen, was alleine erledigt werden kann.

Bei der Betreuung ergänzen sich Pflegekräfte sowie pädagogisches Personal. Aus der Praxis wurde berichtet, dass es zu Problemen bei der Abstimmung der beiden Bereiche komme. Auf dem Papier besteht eine klare Abgrenzung, doch der Alltag sehe anders aus, meint Johannes Brühl. Er ist Sozialarbeiter beim WmI.

Aber in der Praxis ist es so, wenn zum Beispiel jemand morgens und abends Hilfe braucht, beim Toilettengang, dann muss derjenige auch tagsüber auf Toilette gehen. So gesehen ist die Abgrenzung nicht so klar. Es ist dann schwierig nur zu sagen, die einen machen nur die Pflege und die anderen nur die Pädagogik. Man muss von vornherein sich als Team verstehen und verstehen, dass der andere Verantwortlichkeiten hat und es gut kann und wiederum der andere Träger auch. Und das man zusammenarbeiten muss und nicht die Verantwortung gegenseitig hin und her schiebt.

Die komplexe Betreuungsleistung sei nur mit guter Kooperation möglich, so Brühl.

Ein weiteres schwieriges Thema wurde ebenfalls angesprochen: Die Finanzierung. Die Fürst Donnersmarck-Stiftung steuerte bisher aus eigenen Mitteln mehr als sieben Millionen Euro bei. Das Wohnen mit Intensivbetreuung ermögliche den Klienten in der Regel ein höheres Budget als zuvor, erklärte der Geschäftsführer der Stiftung, Wolfgang Schrödter. Die Pflegeversicherung sei im stationären Bereich grundsätzlich unterfinanziert – jetzt, im ambulanten Bereich greife sie besser, so dass der Einzelne mehr Geld zur Verfügung habe. Doch es bleibt die Frage, ob es sich volkswirtschaftlich rechne. Schrödter meint dazu:

Ich persönlich bin der Auffassung, dass wichtig ist, was zahlt der Steuerzahler und was zahlt er nicht. Und wie viel Geld aus der Pflege- und aus der Krankenversicherung kommt ist eine zweite Frage. Denn das sind von den Mitgliedern finanzierte Versicherungen. Und wenn ich Mitglied bin, dann habe ich auch ein Anrecht entsprechende Leistungen zu erhalten. Mit diesem Projekt schaffen wir die Basis dafür, dass auch behinderte Menschen die Pflegeleistung in vollem Umfang erhalten, auf die sie auch einen Anspruch haben.

Die Erfahrung der beiden Wohnprojekte zum WmI brachte wertvolle Ergebnisse – auch für andere, vergleichbare Wohnformen. Doch trotz der eingehenden wissenschaftlichen Begleitung konnten natürlich nicht alle Fragen beantwortet werden. Es entstand jedoch ein Dialog, der in Zukunft weiter geführt werden wird.

 
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