Podcast vom Jour Fixe Arbeit

(Wie) werden Menschen mit Behinderung morgen beschäftigt sein? Hörbericht

Ein Bürokratiemarathon bis zum Job-Beginn, keine Arbeitsassistenz bei Praktika, skeptische Arbeitgeber, niedrige Werkstattlöhne - Die Liste der Hürden ist lang für Menschen mit Behinderung auf dem 1. und 2. Arbeitsmarkt. Aber es gibt auch Erfolgsgeschichten.

Diese und weitere Aspekte rund um das Thema Arbeit beleuchtete der Jour Fixe am 17.10.2012 in der Villa Donnersmarck. Moderator Sean Bussenius, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Initiativen und Institutionen diskutierten mit dem Publikum über die aktuelle Situation, gesetzliche Rahmenbedingungen und Zukunftsperspektiven für mehr chancengleiche Beschäftigung von Menschen mit Behinderung.

 
 
Jour Fixe Arbeit_Bilder vom Podium

(Wie) werden Menschen mit Behinderung morgen beschäftigt sein? Der Abend warf nicht nur Fragen auf, sondern fand auch Antworten. Lesen oder hören Sie dazu einen Bericht von Klaus Fechner.

 

Transkription

 Welche Hindernisse gibt es für Menschen mit Behinderung bei der Arbeitssuche? Und wie können diese überwunden werden? Diese Fragen wurden beim Jour Fixe in der Villa Donnersmarck in Berlin-Zehlendorf gestellt. Noch zu wenigen Menschen mit Behinderung gelingt es, auf dem freien Arbeitsmarkt eine Stelle zu bekommen. Und das trotz teilweise guter Ausbildung. Sascha Auch-Schwelk, er ist Programmberater bei der Arbeitsagentur in der Region Berlin-Brandenburg, erkennt eine Ursache :
 
Es gedass Arbeitgeber von der Einstellung eines Schwerbehinderten absehen, wenn sie nur hören, das Integrationsamt muss bei der Kündigung beteiligt werden. Da halten sich ganz viele Klischees und Unwahrheiten hartnäckig, die einfach eine Einstellung verhindern. Da helfen viele gute Worte nichts. Da sind Blockaden vorhanden, die ganz schwer zu lösen sind. Die Integration von behinderten Menschen in den Arbeitsmarkt funktioniert leider nicht so, wie wir uns das wünschen würden.  
 
Jour Fixe Arbeit_Bilder vom Podium
Aber es gebe auch gute Beispiele, bei denen die Vermittlung klappt. Das sieht auch Frank Ike vom Integrationsfachdienst Südwest so. Mit seiner 10-jährigen Erfahrung könne er sich an Arbeitgeber erinnern, die sehr engagiert dabei waren:
 
Ohne den guten Willen, von vielen Arbeitgebern, die ich kennen gelernt habe, hätte ganz viel, was ich für meine Klienten erreichen konnte, nicht erreicht werden können. Der Arbeitgeber muss bereit sein, mit den dazu gehörigen Partnern zu reden.
 
Dazu zählen unter anderem das Integrationsamt und die Arbeitsagentur. Ein Beispiel, bei dem ganz viel nicht funktioniert hat, berichtet Martin Keune, er ist Inhaber der Werbeagentur Zitrusblau. Er wollte im vergangenen Jahr dem Spastiker Alexander Abasov einen Ausbildungsplatz als Mediengestalter geben. Schon im Frühjahr nahm er erste Kontakte auf:
 
Da gab es deutliche Signale von der Agentur für Arbeit und dem Integrationsamt, die gesagt haben, wir finden das so super, dass du dich meldest und das machst. Wir kriegen das schon alles hin. Aber bei diesem Schulterklopfen ist es dann leider geblieben. Bei den relevanten Sachen, die mit großen Kosten verbunden waren, da passierte nicht viel. Ich habe die ganze Zeit gesagt, am ersten September fängt bei uns die Ausbildung an. Und da brauchen wir einen Fahrdienst und eine Arbeitsassistenz. Und ich als Arbeitgeber brauche die Stempel auf dem Papier, dass die Kosten übernommen werden.
 
Insgesamt vier Monate lang dauert die Auseinandersetzung mit verschiedenen Behörden. Ohne Erfolg. Erst durch den persönlichen Einsatz einer Staatssekretärin wurden die Genehmigungen kurz vor Ausbildungsbeginn erteilt. Diese, für Keune, völlig unerwarteten Erfahrungen hat er in dem Buch „Vollspast“ aufgeschrieben.
Der Auszubildende Alexander Abasov ist jetzt bereits im zweiten Lehrjahr. Nach sieben Jahren in einer Werkstatt für Behinderte, wollte er unbedingt in den freien Arbeitsmarkt. Er beschreibt seine damalige Motivation:
 
Der ausschlaggebende Punkt war, wie sie sich bestimmt denken können, der niedrige Lohn. Ich bin 27 Jahre alt und möchte mein Leben auch selbst in die Hand nehmen.
 
Also: Mit 27 Jahren wollte er sein Lebensunterhalt selbst verdienen und die 117 Euro Monatslohn in der Werkstatt waren ihm zu wenig. Abasov hat sich seinen Ausbildungsplatz gemeinsam mit seinem Arbeitgeber erkämpft. Eine Hilfe auf diesem Weg bietet das Projekt „Stellwerk“ der Nordbahn gGmbH. Es fördert und unterstützt Menschen mit Behinderung bei der Suche nach Praktika, Ausbildung und Arbeit abseits der bisherigen Werkstatt-Tätigkeit. Sascha Flick von Stellwerk:
 
Wir versuchen dann Praktikumsbetriebe zu finden. Da habe ich ganz oft festgestellt, dass die Arbeitgeber sehr, sehr zurückhaltend sind und sich gar nicht vorstellen können, mit behinderten Mitarbeitern zu arbeiten. Ich bin dazu übergegangen, das persönliche Gespräch zu suchen. Ich fahre also raus und geh direkt an die Arbeitgeber und stelle direkt unser Projekt vor. Und oft ist es so, dass viele ältere Mitarbeiter und Firmenchefs dann doch den Dreh bekommen und denken, da können wir was machen.
 
Das direkte Gespräch mit möglichen Arbeitgebern sei der beste Weg, diese zu überzeugen, so Flick. Das bestätigt auch Günter Hotte vom Integrationsamt des Landes Berlin. Berlin hat als erstes Bundesland die Kooperationsvereinbarung zur „Initiative Inklusion“ unterschrieben. Dieses Bundesprogramm will mehr Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen erreichen. Ein Bereich dieser Initiative beschäftigt sich mit dem Übergang von Schule in den Beruf., so Günter Hotte:
 
Da geht es darum, dass schwerbehinderte Schülerinnen und Schüler zwei Jahre vor Bildungsabschluss in den Schulen schon vorbereitet werden auf das Berufsleben. Das heißt, man versucht heraus zu kitzeln, wo sind die Fähigkeiten, wo sind die Neigungen. Und dann will man Netzwerke schaffen mit Arbeitgebern, um den Schwerbehinderten die Möglichkeit zu geben, entweder eine betriebliche Ausbildung über drei Jahre zu machen. Oder im Rahmen der „Initiative Inklusion“ auch die Möglichkeit zu geben, eine abgespeckte, theoriereduzierte Ausbildung zu machen.
 
Günter Hotte wünscht sich, dass dieses Modell als Regelförderung ins Sozialgesetzbuch übernommen wird. Förderprogramme und Initiativen sind vorhanden. Wie das Mentorennetzwerk Job-Win-Win. Arbeitgeber, die selbst mit Behinderung leben oder erfolgreich behinderte Mitarbeiter beschäftigen, berichten anderen Arbeitgebern dabei praxisnah von ihren Erfahrungen. Eine Beratung auf Augenhöhe, nach so genanntem "Peer-Prinzip". Die Idee dazu hatte die Interessenvertretung Selbstbestimmtes Leben. Deren Geschäftsführerin Dr. Sigrid Arnade wünscht sich nicht nur ein neues Denken:
 
Ein ganz wichtiger Punkt wäre Bürokratieabbau, weil es verwirrend ist und das schreckt Arbeitgeber einfach ab. Ein anderer wichtiger Punkt ist, denke ich, Bewusstseinsbildung. Und zwar auf allen Ebenen. Was in Deutschland immer noch gemacht wird: Menschen werden sortiert, auch im schulischen Alltag werden sie sortiert in die verschiedenen Schulstufen. Dieses Schubladen- und Etiketten-Denken ist natürlich auch in den Köpfen vorhanden.
 
Und das würde viele Vorurteile begünstigen. In der Diskussion wurden darüber hinaus noch weitere Vorschläge angesprochen, die die Situation für Menschen mit Behinderung bei der Arbeitssuche verbessern könnten. Dazu zählt die Forderung, dass die Mitarbeiter in den Arbeitsagenturen und Integrationsämtern ein stärkeres Dienstleistungsdenken zeigen sollten. Und Menschen mit Behinderung sollten nicht automatisch an Behinderten-Werkstätten, sondern auch in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Die Sozialgesetze sollten an den entscheidenden Stellen geändert werden. Und es wäre sinnvoll, Arbeitgeber besser über die umfangreichen Fördermöglichkeiten zu informieren. Martin Keune fordert sogar einen anderen Typ Arbeitgeber mit mehr sozialer Verantwortung:
 
Wir kennen alle diesen ökologischen Fußabdruck, wo Unternehmen auf ihren Milchtüten drauf schreiben wie viel CO2 sie in den letzten Jahren produziert haben. Das ist toll. Aber was ich vermisse, ist der soziale Fußabdruck, wo ich sagen kann, hat das Unternehmen auch Behinderte in seinem Team – arbeitet es im sozialen Bereich korrekt – werden Mindestlöhne gezahlt und so weiter, und so weiter.
 
Denn schließlich würden in Zeiten des Fachkräftemangels alle davon profitieren, wenn es gelänge, mehr Menschen mit Behinderung zu qualifizieren und ihnen den Arbeitsmarkt zu erschließen.
 

Beitrag: Wir arbeiten dran

Länge: 07 min 41

Datum: 19.10.2012

Autor: Klaus Fechner - www.reichweiten.net

 

 

Eindrücke vom Abend