Der Entscheider über den eigenen Prozess - Hörbericht Jour fixe Peer Counseling

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Katrin Seelisch, Sylvia Wehde, Sean Bussenius, Petra Stephan und Roger Reinhardt (v.l.n.r.)  sitzen auf dem Podium

Beitrag: Jour Fixe: Peer Counseling
Länge: 06 min 03
Datum: 03.12.2015
Autor: Klaus Fechner - reichweiten.net


Der Begriff Peer Counseling steht für Beratung von gleich zu gleich. Also, ein Mensch mit Behinderung wird beraten von einer Person, die selbst mit einer Behinderung lebt. Diese Form der Unterstützung ist aus der Selbsthilfe-Bewegung entstanden, aber in Deutschland eher die Ausnahme. Die Fürst Donnersmarck-Stiftung beschäftigte sich am 2. Dezember 2015 beim Jour Fixe mit den Voraussetzungen, den Herausforderungen und Möglichkeiten von Peer Counseling.

 
Katrin Seelisch. Peer Counselorin FDST, auf Podium mit Mikrofon im Gespräch

Katrin Seelisch ist Sozialpädagogin, Supervisorin und als Peer Counselorin bei der Fürst Donnersmarck-Stiftung angestellt. Aus ihrer Sicht ist ein wesentlicher Aspekt bei der Beratung die aktive Rolle des Ratsuchenden:

"Die Thematik entscheidet sich an dem, was der Mensch, der Rat sucht, braucht und was er will. Die Inhalte werden ganz klar vom Ratsuchenden bestimmt. Er ist der Bestimmer, der Entscheider über seinen eigenen Prozess. Ich als Peer Counselorin gebe Unterstützung, gebe ein Geländer, gebe eine mögliche Perspektive als Vorschlag."

Anhand dieses "Geländers" kann eine gezielte Beratung stattfinden. Außerdem sei die Unabhängigkeit der Peer Counselor wichtig, die Unterstützung sollte immer ohne wirtschaftliche Interessen stattfinden. Die Peer-Beraterinnen und –Berater selbst müssen für diese Aufgabe bestimmte Voraussetzungen mitbringen:

"Die eigene Betroffenheit ist eine ganz wesentliche Grundlage. Einfach deswegen weil Peer Counseling von der Idee her genau darauf aufbaut. Also, die eigene Behinderung darf nicht fehlen. Die eigene Behinderung soll aber nicht nur vorhanden sein, sondern sie soll auch reflektiert sein. Ich muss also auch ein Gefühl dafür entwickeln, wie sich das anfühlt und wie ich damit umgehe."

Nur ihr Hörgerät zu tragen, reiche Katrin Seelisch daher nicht aus.

 
Petra Stephan, BZSL, auf Podium mit Mikrofon im Gespräch

Doch es gehört noch mehr dazu, meint Petra Stephan. Sie arbeitet für das Berliner Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen – kurz BZSL - und bildet Peer Counselor aus:

"Das ist auch die Fähigkeit nach Lösungen suchen zu wollen. Fähigkeiten herauszukristallisieren, Lösungen zu empfinden, für Menschen Partei zu ergreifen. Also auch sich für sie einzusetzen und den Blick darauf zu haben, was hilfreich sein könnte. Und was man automatisch macht, man ist ein Modell und vom Modell wird gelernt."

Als Peer Counselor werde man so zum Vorbild für viele Ratsuchende. Zum BZSL kommen Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen mit ihren Problemen. Die Ratsuchenden sind sehr verschieden:

"Nicht nur Betroffene, auch Angehörige kommen zu uns. Manchmal zu Zweit, auch Paare. Die Schwiegertochter mit ihrer inzwischen alt und behindert gewordenen Schwiegermutter. Das hatte ich neulich. Das war sehr interessant, dann war das Gespräch so, dass beide plötzlich merkten, wie hilfreich das sein kann, dass jemand der älteren Frau gegenübersitzt, der noch mehr Behinderung hat als sie selbst. Und ganz viel über Technik und Hilfsmittel Bescheid wusste. Es ging dann vor allen Dingen um solche Dinge, um ganz einfache Sachen wie Schwerbehindertenausweis und Pflegegeld und so etwas."

 
Roger Reichardt, HörBIZ Berlin, auf Podium mit Mikrofon im Gespräch

Oft sind es also die Dinge des Alltags, die thematisiert werden. Roger Reichardt leitet die Beratungsstelle HörBIZ, die Menschen mit Hörbehinderungen unterstützt. Aus seiner Erfahrung geht es oft auch um grundsätzliche Dinge bei den Beratungen:

"Wenn es um die Auseinandersetzung mit Behinderung geht. Ein klassisches Beispiel: Ich möchte ja ganz gerne an einem Gespräch teilnehmen, verstehe aber den anderen nicht. Ich sage einmal: bitte reden sie langsam und deutlich, denn ich habe ein Hörproblem. Aber nach 30 Sekunden ist das vergessen und man ist wieder in seinem Tempo. Als Hörbehinderter traut man sich das ein zweites Mal zu sagen aber nicht ein drittes Mal. Das sind Konflikte, die Betroffene mit sich selber ausmachen. Da kann man als jemand, der auch hörgeschädigt ist, das ganz genau nachfühlen."

Empathie sei also wichtig, so Reichardt. Die Tätigkeit als Peer Counselor ist kein anerkannter Beruf. Häufig sind es Sozialpädagogen, Psychologen oder bereits in der Selbsthilfe Aktive, die eine  Weiterbildung zum Peer Counselor absolvieren. Zusätzlich gibt es Pilotprojekte, die ebenso zum Peer Counselor qualifizieren. Eines davon ist die Initiative Peers im Krankenhaus PiK. Dabei geht es um frisch Amputierte, die noch im Krankenhaus von freiwilligen Peers beraten werden.

 
Sylvia Wehde, Amputiertentreffpunkt Berlin-Brandenburg / PIK, auf Podium mit Mikrofon im Gespräch

Eine von ihnen ist Sylvia Wehde. Sie ist gleichzeitig Sprecherin des Amputierten Treffpunktes Berlin-Brandenburg.

"Man hat erkannt, wenn man einem Frischamputierten noch im Krankenhaus berät, dass derjenige wesentlich besser mit seiner neuen Situation umgeht. Dass er viel leichter lernt, sich diesen Gegebenheiten anzupassen. Und dass er auch schon im Krankenhaus andere Amputierte kennenlernt. Da hat man herausgefunden, dass die Menschen diese Situation dann besser bewältigen können."

Das Projekt wird von mehreren Partnern unterstützt, unter anderem von der AOK Nordost und dem Unfallkrankenhaus Berlin. In der Podiumsdiskussion bei der Fürst Donnersmarck-Stiftung wurde die große Bedeutung des Peer Counselings für Menschen mit Behinderung deutlich.

Einig waren sich die Teilnehmer, dass die Rahmenbedingungen verbessert werden sollten, unter anderem die regelhafte Finanzierung der Ausbildung und Berufstätigkeit, insbesondere durch die Krankenkassen. Dann würde es in Zukunft auch mehr Peer Counselor geben, für mehr Beratungsangebote auf Augenhöhe.

 

 

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