Raus aus den Schubladen

Podcast vom Fachtag am 11. September

Nahaufnahme von iner Frau und zwei Männern in einer Stuhlreihe sitzend

v.r.n.l.: Andreas Seitz (Ambulanter Dienst), Johannes Brühl und Kirsten Bielefeld (beide Ambulant Betreutes Wohnen)

 

„Raus aus den Schubladen – Impulse für individuelles Wohnen“ – Unter diesem Titel fand am 11. September 2015 eine Veranstaltung in Berlin statt, bei der drei Praxisbeispiele für Wohnprojekte für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf vorgestellt wurden. Organisiert wurde der Fachtag von der Fürst Donnersmarck-Stiftung gemeinsam mit Zukunftssicherung Berlin e.V., mit Lebenswege für Menschen mit Behinderung sowie mit Phönix Soziale Dienste und Leben Lernen am Evangelischen Diakoniewerk Königin Elizabeth.

 

Transkription zum Mitlesen

Raus aus den Schubladen“

Beitrag: Fachtag: Raus aus den Schubladen
Länge: 07 min 26
Datum: 11.09.2015

Autor: Klaus Fechner - www.reichweiten.net


Zum Auftakt betonte Uwe Lehmann von der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales das Besondere der drei Projekte:

Weil diese Projekte, die wir heute hier kennen lernen oder vorgestellt bekommen, über die wir uns unterhalten wollen, haben in der Tat an der einen oder anderen Stelle einen etwas anderen Charakter als die üblichen Formen betreuten Wohnens in der Behindertenhilfe.

Dieser besondere Charakter wurde dann auch beim Wohnprojekt der Lebenswege deutlich. In einem Appartementhaus in der Berliner Prinzregentenstraße wohnen Menschen mit hohen und besonderen Hilfsbedarfen. Sie werden rund um die Uhr betreut und unterstützt. Einer der
Bewohner ist Christian Huge. Ein entscheidender Punkt dort einzuziehen, war

Dass es eben eine Nachtbereitschaft gibt, die ich auch nutzen kann, wenn ich zum Beispiel beim Toilettengang Hilfe brauche. Oder wenn ich mal gedreht werden möchte oder mir die Decke wegrutscht. Meine Assistenzen ermöglichen mir ein sehr flexibles Leben und das ist einfach schön.

Außerdem kann er zum Beispiel über die alltäglichen Dinge des Haushalts selbst bestimmen. Das entspricht auch dem Anspruch des Wohnträgers, der Lebenswege gGmbH. Doch gerade die alltäglichen Dinge sind es oft, die die Organisation des Wohnprojektes erschweren, wie Rolf Langhoff berichtet. Er ist Geschäftsführer der Lebenswege. Als Beispiel nannte er die zwingend notwendigen Automatiktüren des Hauses:

Wir haben von diesen Automatiktüren 19 Stück in diesem Appartementhaus. An dieser Infrastruktur hängt eine erstaunliche Vielfalt technischen und organisatorischen Problemen. Die Dinger gehen gerne kaputt, sie lassen sich gerne und sehr teuer warten. Das geht in Bereiche der Funktechnik. Die haben eine Softwaresteuerung, wo man überraschend feststellt –die sollen ja ein paar Jahre halten – dass es dann keine Steuermodule mehr gibt. Das soll nur ein Beispiel sein für technische Infrastruktur, die sie nur dann wahrnehmen, wenn sie nicht funktioniert.

Neben der Organisation des Alltags und der Gewährleistung von Pflege und Assistenz muss auch die Finanzierung unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten gesichert sein. Dabei kommt es häufig zu Überschneidungen von pflegerischen und sozialpädagogischen Aufgaben. Zwei Dienstleistungen, die getrennt abgerechnet werden müssen, wie Andreas Wolter, Geschäftsführer der Phönix gGmbh erläutert:

Die Fragestellung zum Beispiel, was ist pädagogisches Duschen? Die Abgrenzung zwischen den pädagogischen Leistungen und den Leistungen der Grundpflege in solch einem Haus ist oft sehr problematisch. Und das ist auch den Kostenträgern schwer klar zu machen. Man kann solche Leistungen nicht planen. Man will es auch gar nicht, weil Inklusion ja auch heißt, ich dusche, wann ich duschen möchte, so oft wie ich es möchte. Und auch mit dem Menschen, der mir gerade sympathisch ist. Wenn ich gerade einen Pädagogen habe, der mir sympathisch ist, dann dusche ich mit dem. Und wenn gerade eine Assistenz da ist, die mir sympathisch ist, dann dusche ich mit der Assistenzkraft. Diese Problematik haben wir oft und gerade in der Abgrenzung der Leistungen bei den Bewilligungen.

Der Anspruch auf Selbstbestimmung der Bewohner passt also nicht immer zu den organisatorischen und bürokratischen Bedingungen.
Ähnliche Erfahrungen werden auch beim Wohnprojekt „Inklusives Verbundwohnen“ in Berlin-Zehlendorf vom Wohnträger Zukunftssicherung Berlin e.V. gemacht. Im Haus Mühlenfelde wohnen 23 Menschen mit unterschiedlichem Assistenzbedarf seit 2012 unter einem Dach. Für Irit Kulzk, der Geschäftsführerin, stößt die Vorstellung vom individuellen Wohnen im Alltag schnell an ihre Grenzen. Die Ursache dieser Einschränkungen sieht sie in unrealistischen Vorstellungen der Bedarfe:

Diese Berichte, die geschrieben werden müssen. Diese wunderbaren SMART-Kriterien, spezifisch, messbar, terminiert und so weiter. Will ich denn nach Hause kommen und nur weil ich beeinträchtig bin, muss ich jetzt noch gefördert Wäsche waschen, weil ich brauche ja den Punkt auf den Metzlerbogen, um meine Leistungspunkte zu bekommen? Viele von uns kommen nach Hause. Die einen legen sich vor die Glotze, die anderen gehen eine Runde mit dem Hund oder machen irgendwas. Aber irgendwie ist die Spülmaschine trotzdem nicht aufgeräumt. Menschen mit Beeinträchtigungen ist es manchmal nicht gegeben, weil die Pädagogen dran ziehen. Aber die ziehen dran, weil sie das Kreuz brauchen und weil sie fördern müssen. Das ist die grundsätzliche Fragestellung, wie bewerten wir, was Menschen brauchen?

Hinzu kommen unterschiedliche Erhebungsmethoden bei pflegerischen und sozialpädagogischen Hilfen. Olaf Seidler ist stellvertretender Geschäftsführer von Zukunftssicherung Berlin. Er beschreibt das Problem:

Gleichzeitig gibt es die unterschiedlichen Erhebungssysteme zum Bedarf. Wir sind jetzt gerade dabei, mit Unterstützung der Senatsverwaltung, ein System zu entwickeln, wie man in Mühlenfelde ein einheitliches Erhebungssystem für beide Bereich zu gestalten. Wir werden sehen, ob das erfolgreich ist. Wir hoffen das sehr, weil gerade das in der Diskussion mit den Bezirksämtern, mit den Kostenträgern ein großer Diskussionspunkt ist: Wie grenzt man Duschen von pädagogischem Duschen ab?

Zur Finanzierung der Betreuung des Inklusiven Verbundwohnens wird das Persönliche Budget der Bewohner genutzt.
Einen etwas anderen Weg beschreitet die Fürst Donnersmarck-Stiftung bei ihrem Wohnprojekt „Wohnen mit Intensivbetreuung“ – kurz „WmI“. An zwei Standorten in Berlin, in Tempelhof und Pankow, leben 34 Menschen, die eine intensive Betreuung benötigen. Die über 24 Stunden pro Tag verteilten Dienste werden aus einem Bündel an Einzelansprüchen finanziert, wie Johannes Brühl, Regionalleiter Südost für ambulant betreutes Wohnen, erklärt:

Das sind die Hilfen zur Pflege, das sind die Leistungen zur Eingliederungshilfe, das sind die Rechtsgrundlagen der Krankenversicherung und die Hilfen zum Lebensunterhalt. Das sind dann Leistungen für die Miete, Geld zum Leben, Sonderleistungen für eine Erstausstattung oder ähnliches. Wir müssen also versuchen, diese Leistungen in ein individuelles Paket für jeden einzelnen Klienten zusammen zu schnüren. Jede einzelne Leistung muss einzeln beantragt werden, muss einzeln begründet werden. Das heißt, diese Gesamtleistung „WmI“ kann nur gelingen, wenn alle Leistungen auch gemeinsam bewilligt werden.

Drei verschiedene Projekte mit unterschiedlichen Schwerpunkten, Organisationsformen und Ansätzen der Finanzierung. Gemeinsam haben die Wohnprojekte die Probleme, wie zum Beispiel die Schwierigkeiten der Abgrenzung zwischen pädagogischen und pflegerischen Leistungen im Alltag der Bewohner. Eine weitere Gemeinsamkeit ist das Ziel, den Bewohnern einen möglichst hohen Grad an Selbstbestimmung und Flexibilität zu gewährleisten. Drei Projekte, die Impulse und Anregungen geben für individuelles Wohnen für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf.

 
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