Hörbericht: Zwischen Basis und Professionalität

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Die Begrüßungspräsentation beim Friedrichshainer Kollquium zeit den Veranstaltungstitel und heißt das Publikum herzlich willkommen

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Autor: Klaus Fechner (www.reichweiten.net)

Zwischen Basis und Professionalisierung – unter dieser Überschrift beschäftigte sich das Friedrichshainer Kolloquium am 28. Juni 2016 mit dem Thema „Selbsthilfe“. Die Veranstaltungsreihe für Wissenschaftler und interessiertes Publikum fördert den Austausch zwischen den Fachdisziplinen. Organisiert wird sie vom Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft in Kooperation mit der Fürst Donnersmarck-Stiftung. Dr. Katrin Grüber leitet das Institut:

Selbsthilfe ist auch in der Öffentlichkeit immer bekannter geworden durch die UN-Behindertenrechtskonvention, weil auch andere Menschen wissen, wie wichtig es ist, dass Menschen mit Behinderung sich selbst vertreten. Unsere Kolloquien sind nie so aufgebaut, dass sie Gegensätze aufbauen, sondern wir laden immer Referenten, Referentinnen ein, die aus verschiedenen Perspektiven berichten. Nicht um zu sagen, der eine oder die andere hat Recht, sondern es geht darum, aus verschiedenen Perspektiven das Beste für die eigene Arbeit, sei es in der Wissenschaft oder in der Praxis, zu gewinnen.

 
Dr. Katrin Grüber, Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft (IMEW)

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Dr. Katrin Grüber

 

Selbsthilfe ist auch in der Öffentlichkeit immer bekannter geworden durch die UN-Behindertenrechtskonvention, weil auch andere Menschen wissen, wie wichtig es ist, dass Menschen mit Behinderung sich selbst vertreten. Unsere Kolloquien sind nie so aufgebaut, dass sie Gegensätze aufbauen, sondern wir laden immer Referenten, Referentinnen ein, die aus verschiedenen Perspektiven berichten. Nicht um zu sagen, der eine oder die andere hat Recht, sondern es geht darum, aus verschiedenen Perspektiven das Beste für die eigene Arbeit, sei es in der Wissenschaft oder in der Praxis, zu gewinnen.

 
Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt, Universität zu Köln, beim Vortrag

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Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt

 

Eine Perspektive auf die Selbsthilfe entwickelte Prof. Frank Schulz-Nieswandt von der Universität zu Köln. Er beschrieb Merkmale und Funktionen der traditionellen Selbsthilfe-Formen als nachhaltige Netzwerkbildung mit örtlicher Verankerung. Ein entscheidender Aspekt sei dabei die Gegenseitigkeit, also Betroffene kommen zusammen, um sich gegenseitig zu helfen. Dabei entstehen für alle Beteiligte vorteilhafte Strukturen, so Schulz-Nieswandt:

Was gegenüber familialen, partnerschaftlichen Hilfen der Vorteil von Selbsthilfegruppen ist, es ist von der Psychodynamik her gesehen das Optimum zwischen Nähe und Distanz. Sie gehen zweimal im Jahr zum Arzt für das Update der Laborwerte. Aber er ist nicht alltäglich für sie da. Die Partner sind zwar alltäglich da, aber das ist manchmal auch sehr eng. Die chronische Erkrankung kann auch belasten. Vor allem sagt man seinem Partner, hilf mir. Und wenn er es tut, sagt man, hör auf mich zu gängeln. Das sind so typische Widersprüche. Deshalb kann eine Selbsthilfegruppe die richtige Mischung sein.

Jedoch komme es bei der Arbeit von Selbsthilfegruppen häufig zu Ambivalenzen. Werden zum Beispiel Fördermittel beim Aufbau von Kontaktstellen in Anspruch genommen, können dadurch Abhängigkeiten entstehen. Und es besteht die Gefahr, dass notwendige staatliche Strukturen reduziert werden:

Im Grunde sind diese Selbsthilfegruppen Klubs, Privatvereine. Man schließt sich freiwillig in Selbstverwaltung nach Demokratieprinzip zusammen und deckt den Bedarf der Klubmitglieder. Aber, das was sie tun ist natürlich von öffentlichem Interesse. Damit haben sie positiven sozialen Nutzen. Man muss aufpassen, dass der Sozialstaat sich nicht zurückzieht und diese Bürgerengagement-Form als Instrumente zur Erledigung öffentlicher Aufgaben im Rahmen einer Privatisierung sieht. Denen wird zwar geholfen, aber man verlagert und endvergesellschaftet auch Probleme.

Die traditionelle Selbsthilfe ist ein wichtiger Baustein, so Schulz-Nieswandt, im Leben von chronisch Kranken oder Menschen mit Behinderung.

 
Dr. Holger Preiß, Uni Würzburg, siitzend beim Vortrag

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Dr. Holger Preiß

 

Eine zweite Perspektive wurde von Dr. Holger Preiß, von der Universität Würzburg, vorgetragen. Er beleuchtete die Entwicklungen bei der virtuellen Selbsthilfe. Aus seiner Sicht gehören dazu mehrere Aspekte. So funktioniere virtuelle Selbsthilfe mit Hilfe von computervermittelter Kommunikation. Das könnten Chats, Mailinglisten oder auch Online-Foren sein. Preiß erläuterte die Funktionsweise von Online-Foren anhand eines Beispiels:

Wo eine junge Frau von ihrer Diagnose berichtet, einfach schreibt, was ihre Ängste sind, in die Zukunft gerichtet, ob sie ein normales Leben führen kann. Sie hat Angst, dass sie sich nicht um ihren Sohn kümmern kann. Also, eine typische Startfrage für Selbsthilfe. Ich suche ähnlich Betroffene. Ich drücke aus, was mich grad beschäftigt und jemand, der in einer ähnlichen Situation ist, sagt mir was dazu, hilft mir weiter und gibt einen Tipp.

Ähnlich der traditionellen Selbsthilfe würden auch im virtuellen Raum Netzwerke entstehen und sich Betroffene austauschen. Es gebe sogar einen hohen Anteil von 61 %, derjenigen Nutzer von virtueller Selbsthilfe, die auch private Face-to-Face-Kontakte zu anderen Nutzern herstellen. Trotzdem gebe es noch immer die Meinung, virtuelle Selbsthilfe sei weniger wertvoll, so Preiß. Er ist jedoch nach seinen Untersuchungen überzeugt,

... dass virtuelle Selbsthilfe sehr wohl Selbsthilfe ist. Dass sich Leute in zum Teil sehr hohen Umfang engagieren. Eine Form bürgerlichen Engagements einbringen, sehr viel Zeit in eine Plattform reinstecken, da reinstecken andere zu beraten, anderen weiter zu helfen. Sie erhalten aber bislang nur sehr wenig Unterstützung für ihre Selbsthilfearbeit, wie es zum Beispiel eine Selbsthilfekontaktstelle vor Ort bekommt. Was ich gut fände, wenn es möglich wäre, die virtuelle Selbsthilfe auch beispielsweise über die Förderung der Krankenkassen zu unterstützen, denn diese Selbsthilfe kostet auch Geld.

 
Diksussion beim Friedrichshainer Kolloquium, auf dem Podium von links nach rechts: Dr. Holger Preiß, Dr. Katrin Grüber, prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt

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Diskussion mit dem Publikum

 

In der anschließenden Diskussion wurden Vor- und Nachteile sowohl der virtuellen als auch der traditionellen Form der Selbsthilfe diskutiert. Einig war man sich, dass es nicht darum geht, zu entscheiden, was besser oder schlechter ist. Es handele sich um verschiedene Ausprägungen von Selbsthilfe, die unterschiedliche Bedürfnisse befriedige und jeweils andere Zielgruppen anspreche. Viel mehr gebe es Überschneidungen. Das Entscheidende sei bei beiden Formen, dass sich Betroffene wechselseitig austauschen und unterstützen.

Die nächste Veranstaltung des Friedrichshainer Kolloquiums findet am 13. September 2016 mit dem Thema „Gemeinschaft und Gesellschaft“ statt. Dann, wie jedes Mal, in der Villa Donnersmarck.

 
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