Gemeinden und Krise

Entwicklung inklusiver Sport- und Bewegungsprogramme für Traumasituationen

Gruppe von Menschen in einer Turnhalle winkt in die Kamera

Prof. Gudrun Doll-Tepper (2. stehend von links) beim Seminar "Communities and Crisis, Inclusive Development through Sport 2016"

 

Interview mit Prof. Gudrun Doll-Tepper

  • Was sind die Hauptziele des Seminars „Communities and Crisis, Inclusive Development through Sport“, das zum neunten Mal im HausRheinsberg Hotel am See durchgeführt wurde?

Das Seminar dient dazu, den Teilnehmern/innen, die aus den Bereichen Sport, Sozialarbeit und Krisenintervention kommen, aufzuzeigen, wie sie Sport- und Bewegungsprogramme als psycho-soziale Intervention für traumatisierte Menschen und Menschen in schwierigen Lebenssituationen einsetzen können.

Ziel ist es, dass alle Teilnehmer/innen am Ende der Weiterbildung inklusive Bewegungsprogramme erstellen und durchführen können, die Herausforderungen durch unterschiedliche Kulturen, Religionen, Rollenverständnisse sowie auch unterschiedliche Fähig- und Fertigkeiten innerhalb einer Gruppe berücksichtigen, um so allen Teilnehmern/innen gerecht werden zu können.

In diesem Jahr lag der Schwerpunkt des Seminars auf der Programmentwicklung für Migranten und Flüchtlinge, ein Thema, bei dem alle oben genannten Aspekte auch dringend berücksichtigt werden müssen.

  • Wie setzen sich die Teilnehmer der Veranstaltung zusammen?

Die Teilnehmer/innen an diesen Seminaren kommen aus der ganzen Welt, tatsächlich von allen Kontinenten. In diesem Jahr waren 15 Länder vertreten, unter ihnen Nepal, USA, Philippinen, Uganda, Nigeria, Irak und viele europäische Länder. Die größte Gruppe der Teilnehmer/innen hat einen Hintergrund im Bereich Sport, z.B. als Trainer/in, Sportlehrer/in, Projektleiter/in in der Entwicklungshilfe für Sport- und Bewegungsprogramme bzw. Sportwissenschaftler/in.

Außerdem gab es eine Gruppe von Sozialarbeitern/innen, die lernen, Bewegungsprogramme in ihre Alltagsarbeit einzubinden, und des Weiteren Menschen, die bereits in der Krisenintervention arbeiten und sich durch diese Fortbildung zusätzliche Qualifikationen für ihre Arbeit aneignen.

  • Ihr Einführungsvortrag trägt den Titel „Equity – Diversity – Inclusion“, den man vielleicht mit Gerechtigkeit – Vielfalt – Inklusion übersetzen könnte. In welchem Maß ist die Inklusion von Menschen mit Behinderungen Teil des Angebots?

In meinem Vortrag möchte ich auf aktuelle Entwicklungen im Bereich des Sports unter Berücksichtigung von Vielfalt, Diversität und Inklusion hinweisen. Dazu ist es insbesondere wichtig auf die Aussagen der UN-Behindertenrechtskonvention einzugehen, die in Artikel 30(5) die aktive Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in inklusiven und behinderungsspezifischen sportlichen Aktivitäten fordert.

Teilhabe heißt aber nicht nur selbst Sport treiben zu können, sondern auch Funktionen im Sport zu übernehmen, z. B. als Schiedsrichter/in, als Vorstandsmitglied oder als Trainer/in. In meinem Einführungsvortrag gehe ich dabei auf inklusive Programme und Konzepte im Sport ein, weise außerdem auch auf gute Beispiele in der Praxis hin. So wird mit diesem Vortrag allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein gemeinsamer Einstieg in das Seminar ermöglicht.

  • Mit dem Eintreffen der Flüchtlinge in Deutschland besonders im vergangenen Jahr ist die Krise, die früher eher woanders stattfand, näher an unsere Gemeinden gekommen. Kann dieses Seminar auch zu diesem Thema etwas beitragen?

In jedem Fall sind die Inhalte des Seminars übertragbar auf Bewegungsprogramme für geflüchtete Menschen, auch hier in Deutschland. Wie bereits gesagt zielt das Seminar auf die Entwicklung inklusiver Sport- und Bewegungsprogramme für traumatisierte Menschen und Menschen in schwierigen Lebenssituationen ab. Und genau diese Voraussetzungen müssen dringend auch bei den Flüchtlingen berücksichtigt werden. Viele von ihnen haben Schreckliches durchgemacht, haben Verletzungen und Behinderungen und kommen aus vielen unterschiedlichen Kulturen.

Es muss daher den Trainern/innen von Sport- und Bewegungsangeboten bewusst gemacht werden, welch eine gemischte Gruppe sie vor sich haben. Und vor allem müssen sie das Handwerkszeug erlernen, um mit diesem Menschen angemessen umgehen zu können. Allein z.B. das Thema Körperkontakt muss im Sport mit traumatisierten Menschen immer wieder hinterfragt und auch religiöse und Geschlechterbarrieren müssen berücksichtigt werden.

Auch die Inklusion von Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten innerhalb einer Sportgruppe ist für Trainer/innen und Lehrer/innen auch heute noch häufig eine besondere Herausforderung, und wir bemühen uns mit unserer Weiterbildung, Hilfestellungen zu geben, um diese Barrieren zu überwinden.

  • Sie bieten während des Seminars an mehreren Abenden Bewegungsaktivitäten auch für die Hotelgäste an. Was hat es damit auf sich?

Unsere Aktivitäten für Hotelgäste, die seit drei Jahren mit großer Begeisterung sowohl von den Gästen des Hauses als auch von den Teilnehmern/innen unseres Seminars begeistert angenommen werden, geben auf der einen Seite unseren Teilnehmern die Möglichkeit, direkt mit der Zielgruppe zu kommunizieren, Erlerntes umzusetzen und auch ein direktes Feedback auf ihre vorbereitete Stunde, die Inhalte und ihr Verhalten zu bekommen.

Auf der anderen Seite nehmen die Hotelgäste die sportlichen Aktivitäten, die auf ganz besondere Art Inklusion vorleben, sehr gerne an. Sie sind sogar so beliebt, dass einige der Gäste ihren Urlaub nun schon zum zweiten Mal auf unser Angebot ausgerichtet haben.

  • Trotz der etwas aufwendigen Anreise für die internationalen Teilnehmer haben Sie sich erneut für die Durchführung des Seminars in Rheinsberg entschieden. Was sind die Gründe dafür?

Das Hotel HausRheinsberg ist einfach einmalig und bietet uns, wie kein anderes Haus, die Kombination aus besonders schöner Umgebung, wunderbarer Unterbringung und sehr guter Verpflegung.

Gleichzeitig können wir die große Sporthalle nutzen und schätzen natürlich die komplette „Berollbarkeit“ des Hauses, die nicht nur unseren rollstuhlfahrenden Sprechern/innen zugute kommt, sondern diese Art der baulichen Besonderheiten unseren Teilnehmern/innen bewusst macht.

Nicht zuletzt kommen wir aber auch wegen des so besonders netten und zuvorkommenden gesamten Hauspersonals, das uns quasi jeden Wunsch erfüllt und jede Unterstützung gibt, die wir benötigen.

  • Danke für das Gespräch.