Hörbericht Jour fixe "Barrierefrei reisen"

Podiumsansicht beim Jour fixe "Barrierefrei reisen"
 
 

Podcast der Diskussionsrunde in der Villa Donnersmarck

Sommerzeit ist Reisezeit. Wer mit einer Behinderung lebt und in den Urlaub startet, hat viel zu planen und bedenken, damit am Ziel keine Überraschungen warten. Wie barrierefrei reist man heutzutage, wo informiert man sich und was sind gute Tipps für die Reiseplanung? Das diskutierte eine Gesprächsrunde am 13.06.2018 beim Jour fixe in der Villa Donnersmarck.
Hören Sie einen Podcast von Klaus Fechner,
reichweiten.net

 

Transkription zum Mitlesen

Sommerzeit ist Reisezeit. Einfach ins Reisebüro gehen oder online die Angebote vergleichen – und schon kann der Urlaub gebucht werden. Für Menschen mit Behinderung ist das allerdings komplizierter. Viele Fragen müssen im Vorfeld beantwortet werden. Wo gibt es barrierefreie Hotels? Oder gibt es am Reiseziel auch mit Rollstuhl einen Zugang zum Strand? Der Jour fixe der Fürst Donnersmarck-Stiftung stand am 13. Juni 2018 unter dem Motto „Zu Gast in aller Welt - Barrierefrei reisen“. Bei der Veranstaltung in der Villa Donnersmarck ging es rund ums Reisen, um Erfahrungen, Entwicklungen und Tipps für den Urlaub.
Viele Erfahrungen als Rollstuhlfahrerin hat Adina Hermann auf Reisen gesammelt. Gemeinsam mit Ihrem Mann Timo Hermann schreibt sie seit elf Jahren den Reiseblog Mobilista.eu. Sie waren bereits in vielen Ländern Europas, in Kanada und in der Karibik. Mangelnde Barrierefreiheit gehört dabei zum Alltag:

 
Adina Hermann, Reisebloggerin von Mobilista.eu, beim Jour fixe
 
 

„Wir haben auch schon alles erlebt. Das eine rollstuhlgerechte Zimmer ist leider doppelt belegt. Bis hin zu, dass der Frühstücksraum nur mit Stufen erreichbar ist. Und dass uns nicht mal angeboten wurde, das Frühstück woanders einzunehmen. Einfach Pech gehabt. Und dann Kleinigkeiten, die das Ganze nur weniger angenehm machen aber trotzdem nerven. So wird ganz oft vergessen, den Spiegel so anzubringen, dass man als Rollstuhlfahrer hineingucken kann. Das sind Kleinigkeiten, die passieren oft. Und sogar häufig im rollstuhlgerechten Zimmer.“

Um sich möglichst gut auf ihre Reisen vorzubereiten, müssen die beiden gut organisieren und viele Fragen schon von zuhause aus klären. Es geht dabei um den Zugang zu Sehenswürdigkeiten, um die Möglichkeit in fremden Ländern mit Rollstuhl Bus fahren zu können und um die barrierefreie Ausstattung der Unterkunft. Timo Hermann hat sich im Laufe der Jahre dazu eine Vielzahl an Quellen erarbeitet. Seine Empfehlung lautet:

 
Timo Hermann, Reiseblogger Mobilista.eu, beim Jour fixe
 
 

„Zum Beispiel Tripadvisor ist eine gute Quelle, um zu schauen, wie sieht es dort aus. Es gibt Fotos der Unterkünfte, die von Reisenden erstellt werden. Google Street View war mal ein mächtiges Mittel, um das einschätzen zu können. In Deutschland ist das wertlos geworden, weil dort gefühlt 80 Prozent aller Orte verpixelt sind. Wir haben natürlich die Wheelmap, die Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte. Wobei man zugeben muss, wenn ich jetzt in der Karibik unterwegs bin, da ist die Wheelmap wenig hilfreich, weil dort wenig Leute sind, die dort mitmachen.“

Auf der beliebten Internetplattform Airbnb können Unterkünfte weltweit gebucht und vermietet werden. Dort kann in den Filterfunktionen auch nach barrierefreien Unterkünften gesucht werden, so Timo Hermann. Damit die Suche und Auswahl von Hotels für den Urlaub einfacher wird, hat der Verein „Tourismus für Alle“, die nationale Koordinierungsstelle für barrierefreien Tourismus, kurz Natko, ein Gütesiegel entworfen. Das Siegel „Reisen für Alle“ kennzeichnet Hotels, Wanderwege und Ausflugsziele, die einen barrierefreien Zugang ermöglichen. Natko-Geschäftsstellenleiter Jan Väthjunker beschreibt die Vorteile der einheitlichen Kennzeichnung:

 
Jan Väthjunker, Tourismus für alle e.V., beim Jour fixe
 
 

„Der Vorteil von diesem System ist, dass die Kriterien mit Betroffenen-Verbänden abgesprochen sind und dass sie wirklich deutschlandweit in ihrer Detailtiefe zur Verfügung gestellt werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir das System in drei Stufen aufgebaut haben. Zum einen die Informationsstufe. Das bedeutet, dass ein externer Erheber in das Hotel hineingegangen ist und hat jedes Maß, das kritisch sein könnte, aufgenommen. Jede Tür ausgemessen, geschaut, ob Griffe vorhanden sind und so weiter.“

Die zweite Stufe nennt sich „teilweise barrierefrei“ und im besten Fall wird Stufe drei verliehen „barrierefrei“. Bisher wird das Siegel „Reisen für alle“ in 13 Bundesländern eingesetzt. Schon seit vielen Jahren wird Barrierefreiheit in den beiden Häusern der FDS Hotel gGmbH groß geschrieben. Sowohl im Heidehotel Bad Bevensen als auch im Seehotel Rheinsberg. Dabei geht es nicht nur um die Ausstattung der Hotels, sondern auch um geschultes Personal, wie Geschäftsführer Stefan von Schlotheim beschreibt:

 
Stefan von Schlotheim, Geschäftsführer der FDS Hotel gGmbH, beim Jour fixe in der Villa Donnersmarck
 
 

„Wir fangen schon an bei der Einstellung zu schauen, dass die Menschen die richtige Einstellung haben. Wir ermöglichen den Mitarbeitern einen Probearbeitstag. Die Arbeit kann sehr belastend sein. Und die Mitarbeiter, bevor sie kommen, können ein oder zwei Tage erleben wie die Arbeit vonstatten geht. Und dann gibt es tägliches Training on the job. Wir machen eine Art Grundkurs, zum Beispiel, wie geht man mit Menschen um, die im Rollstuhl sitzen.“

Entscheidend ist für ihn, dass Menschen mit Behinderung als Gäste und Kunden auf Augenhöhe angesehen werden. Für von Schlotheim ist auch die Zusammenarbeit mit den Regionen rund um die Hotels wichtig. Barrierefreie Häuser würden weitere barrierefreie Angebote im Umfeld nach sich ziehen. Alle Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass in den vergangenen zehn Jahren viel passiert ist und die Angebote an barrierefreien Reisezielen zugenommen haben. Trotzdem gebe es noch viel zu tun, damit auch Menschen mit Behinderung individuell und selbstbestimmt Urlaub machen können.

Für die aktuelle Reiseplanung haben die beiden Reiseblogger noch einige Tipps auf Lager. Für Timo Hermann ist die Einstellung entscheidend:

„Der wichtigste Tipp ist tatsächlich flexibel sein. Das ist das A und O, wenn man verreist. Wer sich in neue Länder, in ferne Länder begibt, wird in Situationen kommen, wo man sich anders verhalten muss als zuhause. Hier brauche ich wirklich Flexibilität und ein gewisses Maß an Bereitschaft, die Komfortzone zu verlassen.“

Für Adina Hermann steht das Persönliche im Mittelpunkt:

„Ein ganz wichtiger Punkt, den ich beim Reisen besonders schön finde, ist wirklich Land und Leute kennenzulernen. Deshalb würde ich kleinere Hotels bevorzugen. Also nicht die 500-Betten-Burg, sondern das, wo man auch Menschen kennen lernt.“

Übrigens: das Magazin der Fürst Donnersmarck-Stiftung, WIR, hat in der aktuellen Ausgabe den Schwerpunkt barrierefrei reisen. Dort finden Sie Berichte, Reportagen und Hintergründe. Das WIR Magazin können Sie online herunterladen oder als Papierausgabe bei der Stiftung bestellen. Wie das geht, erfahren Sie im Internet unter www.fdst.de.

 
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