Hörbericht Jour fixe "Mein Hilfsmittel"

Blick auf das Podium und die Projektor-Leinwand, über die Köpfe des Publikums hinweg. Zwischen den Stuhlreihen sind auch mehrere Rollstuhlfahrer zu sehen.
 
 

Podcast der Diskussionsrunde in der Villa Donnersmarck

Hilfsmittel garantieren Menschen mit Behinderung einen selbstbestimmten Alltag. Um Beeinträchtigungen auszugleichen, müssen Rollstuhl, Prothese & Co. individuell angepasst sein und richtig verschrieben werden. Das Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelverordnung, das seit 2017 gilt, soll Menschen mit Behinderungen mehr Qualität, Transparenz und bedarfsgerechte Verschreibungen bei ihren Hilfsmittel bringen. Beim Jour fixe in der Villa Donnersmarck wurde am 5.12.2018 darüber diskutiert, was sich verändert hat. Hören Sie einen Podcast von Klaus Fechner, reichweiten.net

 

Transkription zum Mitlesen

Das neue Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung (HHGV) gilt seit 2017. Es soll die Rechte von Patienten stärken sowie für mehr Qualität in der Versorgung und für Transparenz sorgen. Doch was hat sich dadurch für Menschen mit Behinderung geändert? Wie steht es um Auswahlmöglichkeiten und Zuzahlungen? Gibt es die Hilfsmittel der Wahl? Um diese Fragen drehte sich der Jour fixe der Fürst Donnersmarck-Stiftung am 5. Dezember 2018. In der Villa Donnersmarck ging es darum, was mit dem neuen Gesetz besser geworden ist. Viel verändert hat sich seit dem Inkrafttreten des Gesetzes nicht, meint Petra Müller, sie ist Leistungsreferentin im Unternehmensbereich Hilfsmittel bei der AOK Nordost. Die meisten Bewilligungen von Hilfsmitteln verliefen reibungslos:

 
Petra Müller, AOK Nordost, auf dem Podium beim Jour fixe in der Villa Donnersmarck
 
 

Wenn Sie sich überlegen, dass wir alleine bei der AOK Nordost, wir haben ein sehr hohes Antragsvolumen, und alleine davon 85 Prozent nicht mehr durch die Genehmigung laufen lassen. Die laufen automatisch durch so wie der Arzt es verordnet. Der Patient kann dann gleich in ein Sanitätsaus oder ein Orthopädiegeschäft gehen. Und die können das gleich mit uns abrechnen. Da ist keine Genehmigung mehr zwischengeschaltet. Diese 85 Prozent aller Anträge kriegen Sie automatisch.

Allerdings würde es sich dabei fast immer um einfache Hilfsmittel im Wert von wenigen hundert Euro handeln. Je teurer ein Hilfsmittel wird, zum Beispiel bei speziellen und qualitativ hochwertigen Rollstühlen, desto schwieriger werde es mit der Bewilligung. Das ist die Erfahrung von Jenny Bießmann von akse e.V. Sie ist Beraterin in der EUTB, der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung. Im Alltag sehe es so aus, dass Patienten nicht das Hilfsmittel ihrer Wahl bekommen würden, nachdem sie ihre Verschreibung vom Arzt erhalten haben.

 
Jenny Bießmann, akse e.V., auf dem Podium beim Jour fixe in der Villa Donnersmarck
 
 

Dann geht man damit zu seinem Sanitätshaus seiner Wahl und gibt es dort dem Mitarbeiter seines Vertrauens ab. Und dann geht der ganze Prozess zur Krankenkasse. Und da kommen dann unsere Hürden als Mensch mit Behinderung. Häufig haben wir einen sehr hohen Bedarf. Da kommt manchmal eine Genehmigung, aber sehr häufig auch die Ablehnung.

Petra Müller von der AOK betont, dass die Mitarbeiter der Krankenkassen genaue Vorgaben haben, nach denen sie sich richten müssen. In dem umfangreichen Hilfsmittelverzeichnis sind alle Hilfsmittel aufgeführt, die die Kasse bezahlen kann. Dieses Verzeichnis enthält mehrere tausend Hilfsmittel wie Absaugpumpen, Prothesen und Toilettenhilfen. Es muss im Zuge des Gesetzes bis Ende 2018 umfassend aktualisiert und auf dem neuesten Stand gebracht werden. Die Krankenkassen haben die Aufgabe die Anträge auf Hilfsmittel anhand dieses Verzeichnisses zu prüfen.

Dann muss man natürlich schauen, was schreibt der Arzt auf. Ist es gerechtfertigt? Dieses Hilfsmittelverzeichnis ist ja auch eine Arbeitshilfe für den Arzt. Der soll da reingucken und sagen: Sie haben diese oder jene Behinderung oder jene Fähigkeitsstörung und benötigen dieses oder jenes Hilfsmittel dazu. Da steht genau drin, welche Indikation vorhanden sein muss, damit ein Anspruch auf dieses Hilfsmittel besteht. Es ist aber leider in der Praxis so, dass die Ärzte doch recht viel verordnen, obwohl es manchmal auch gar keine Hilfsmittel sind.

 
Arne Törber auf dem Podium beim Jour fixe in der Villa Donnersmarck
 
 

Aus der Sicht von Arne Törber sind die Arztrezepte eine häufige Fehlerquelle. Der Orthopädietechniker arbeitet bei Hempel Gesundheitspartner in Berlin. Bei seiner täglichen Arbeit im Sanitätshaus ist er auf die Zusammenarbeit mit Ärzten angewiesen:

Wir brauchen ja die Diagnose. Es muss auch klar sein, was für eine Erkrankung liegt vor, um einzusortieren, ist sie jetzt fortschreitend oder was passiert. Wie können wir Richtung Hilfsmittel beraten, was auch noch in einem halben Jahr funktioniert. Von daher brauchen wir den Arzt. Aber sicherlich ist die Praxis so, dass wir in der Regel ein Rezept bekommen und das meistens umschreiben lassen.

Für ihn ist daher eine engere Zusammenarbeit zwischen Arzt, Patient und Sanitätshaus unbedingt notwendig.

Wir beraten ja auch ausgiebig, wir haben ja die Erfahrung. Wir testen auch eins, zwei Produkte und gucken uns mit dem Patienten gemeinsam an, ob ihm das einen Mehrwert verschafft. Dann sprechen wir ihm auch eine Empfehlung für ein Rezept aus. Ich würde sagen, dass der Arzt in der Regel sich nicht so gut mit Hilfsmitteln auskennt. Ganz ehrlich, der Arzt kann das auch gar nicht überblicken. Wir brauchen Berufserfahrung dafür. Und der Arzt hat keine Ausbildung zum Hilfsmittelberater gemacht.

In der anschließenden angeregten Diskussion wurden mehrere Einzelfälle geschildert. Dadurch wurde klar, wie schwer es Menschen mit Behinderung haben, ein Hilfsmittel ihrer Wahl wirklich zu bekommen. EUTB-Beraterin Jenny Bießmann plädiert dafür, bei Anlehnungen von Hilfsmitteln durch die Kassen unbedingt einen Widerspruch einzulegen. Eventuell lohne sich sogar der Gang vor das Sozialgericht, um sein Recht zu bekommen. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass das neue Gesetz den grundlegenden Nachteil habe, dass es die Versorgung der Patienten nicht verbessert habe. Daher fordert Jenny Bießmann ein Umdenken.

Mein Wunsch wäre, dass man ein Umdenken hinbekommt. Raus aus diesem Fürsorgedenken hin zu einem menschenrechtsorientierten System. Auch bei den Krankenkassen. Und dass man endlich einsieht, dass wir Menschen mit Behinderung Experten in eigener Sache sind. Dann macht es das viel leichter.

Generell würde es helfen, wenn das Gesundheitssystem weniger kompliziert wäre, meint Petra Müller von der AOK. Dann gäbe es mehr Transparenz und Patienten könnten Entscheidungen besser nachvollziehen. Mit dem neuen Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung scheint das noch nicht gelungen zu sein.

 
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