Hörbericht Jour fixe Verhinderte Patient*Innen

Podcast der Diskussionsrunde in der Villa Donnersmarck

Jour fixe in der Villa Donnersmarck: Ein Blick vom Publikum auf Leinwand und Podium; im Vordergrund mehrere Teilnehmerinnen im Rollstuhl

Den Arzt oder die Ärztin frei wählen können, für Menschen mit Behinderung endet die Suche nach passenden Spezialisten mangels Barrierefreihiet oft noch vor der Praxistür. Wie es in Berlin um den barrierefreien Zugang zu einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung für Menschen mit Behinderung steht, diskutierte eine Gesprächsrunde am 25.04.2018 beim Jour fixe in der Villa Donnersmarck. Hören Sie einen Podcast von Klaus Fechner, reichweiten.net

 

Transkription zum Mitlesen

Das Recht auf uneingeschränkte Gesundheitsversorgung und -vorsorge haben alle Menschen in Deutschland. Doch wie sieht es für Menschen mit Behinderung aus? Oft scheitert der Gang zum Arzt vor der Eingangstür, denn viele Arztpraxen sind nicht ausreichend barrierefrei. Oder das Personal ist nicht entsprechend ausgebildet. Beim Jour fixe der Fürst Donnersmarck-Stiftung am 25. April 2018 stand dieses Thema im Mittelpunkt. Die Veranstaltung in der Villa Donnersmarck fand im Rahmen der Berliner Stiftungswoche statt.

 
Gerlinde Bendzuck, Vorsitzende Landesvereinigung Selbtshilfe e.V. auf dem Podium

Gerlinde Bendzuck ist Vorsitzende der Landesvereinigung Selbsthilfe e.V. Sie beschreibt ihre Erfahrungen als Rheumapatientin im Rollstuhl:

Ich nehme zum Beispiel seit 12, 15 Jahren für eine gute Rheumatologin in Kauf, dass ich da nur mit Hilfe meines Mannes reinkomme. Da sind dann drei Stufen im Eingang und in der Praxis auch. In dem Moment, wo man mich vielleicht mal im Gelenk punktieren muss, muss mich mein Mann auf die Liege heben, weil die Mädels in der Praxis das nicht schaffen. Das ist der Versorgungsalltag und ich habe ja noch eine vergleichsweise einfache Behinderung. Wer eine komplexere Behinderung hat, der hat ein massives Versorgungsproblem.

 
Dr. Jutta Begenau auf dem Podium beim Jour fixe

Es gebe zu wenig Arztpraxen, die auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung eingestellt sind. Wie viele Arztpraxen barrierefrei ausgestattet sind, ist nirgends seriös erfasst. Die Medizinsoziologin Dr. Jutta Begenau hat in einer Studie ausgewertet, wie die Situation bei Frauenärzten in Berlin ist. 72 Praxen nahmen an der Befragung teil. Das Ergebnis:

Wir haben in drei Stufen ausgewertet und haben festgestellt, wir finden – nach Selbstauskunft – 15 Praxen, die zugänglich sind. Also die haben entweder einen Parkplatz oder eine gute Verkehrsverbindung. Außerdem haben die einen Aufzug beziehungsweise einen stufenlosen Zugang. Und sie können ein rollstuhlgerechtes WC anbieten. Und sie haben genügend Raum. Das war uns wichtig, weil Rollstuhlfahrerinnen Platz benötigen, dass sie aussteigen und sich bewegen können und dass eine Assistenz dabei sein kann. Das ist auch wichtig.

 
Christine Braunert-Rümenapf, Landebeauftragte für Menschen mit Behinderung, beim Jour fixe

15 von 72, die sich an der Studie beteiligt haben. Woran liegt das? Warum sind so wenig Arztpraxen auf Patienten und Patientinnen mit Behinderung eingestellt? Eine Ursache nennt Christine Braunert-Rümenapf. Sie ist Berlins Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung. Letzten Endes gehe es um die Frage, wer bezahlt das? Woher kommt das Geld für Umbauten oder eine zusätzliche Ausbildung des Personals:

Gerade hier erleben wir beim Herstellen von barrierefreien Praxen ein Hin-und-Her-Geschiebe zwischen den Krankenkassen und der Ärztekammer. Also zwischen der Strukturverantwortung, den Krankenkassen und im Sicherstellungsauftrag der Ärzte. Da heißt es immer, die Krankenkassen sind zuständig. Und die Kassen sagen nein, die Ärzte müssen sich kümmern. Dann gibt es mal ein Gutachten und ein Gegengutachten auf der Bundesebene.

Die Lage sowie die Ausstattung der Praxis ist aber nur eine Seite des Problems. Hinzu kommt, dass die Behandlung von Menschen mit Behinderung häufig einen größeren Aufwand und mehr Zeit benötigt. Dieser Mehraufwand ist in der Honorarordnung nicht vorgesehen, er wird den Ärzten nicht bezahlt. Gerlinde Bendzuck hat erlebt, dass sie erst gar keinen Termin bekommt:

Gefühlt komme ich, jetzt nur der Aspekt rollitauglich, in jede zehnte Frauenarztpraxis rein. Ob ich dann da als Kassenpatient komme und wenn ich dann noch sage, ich bin im Rollstuhl – die wissen dann, das braucht mehr Zeit, ist ein komplizierter Patient - einen Termin bekäme, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Doch was muss geschehen, damit sich die Versorgungssituation verbessert? Ein Problem sind die fehlenden Grundlagen für eine sinnvolle Planung. Es gibt keine umfassende Datenbank. Für Christine Braunert-Rümenapf ist die aber notwendig für gute Gesundheitsversorgung:

Wir müssten eigentlich genau erheben können, wo sind die Versorgungslücken für welche Nutzer- und Nutzerinnengruppen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, dass wir genau sagen können, was brauchen wir eigentlich. Reicht es aufgrund der Bevölkerung, jede fünfte oder jede achte Praxis ist barrierefrei. Wie schaffen wir aufgrund der Daten eine Gerechtigkeitsverteilung auch in der Stadt? So dass sich diese barrierefreien Praxen nicht irgendwo ballen, wo gerade ein Neubaugebiet ist und derjenige, der aus einem anderen Bereich kommt, der muss ein paar Stunden fahren.

Eine geordnete Datenerfassung als Planungsgrundlage ist das eine. Außerdem sollten Ärzte finanziell gefördert werden, die ihre Praxis barrierefrei gestalten und der notwendige Mehraufwand bei der Behandlung sollte entsprechend honoriert werden, so der Wunsch der Diskussionsteilnehmer. Jutta Begenau spricht einen weiteren Aspekt an. In der Ausbildung der Ärzte komme der Umgang mit Patienten mit Behinderung zu kurz. Das schaffe Unsicherheit bei den Ärzten:

Wir müssen unbedingt dahin kommen, dass sie die Sicherheit bekommen, wie sie umgehen können mit behinderten Patienten. Wenn es nicht in das Kern-Curriculum des Studiums kommt, dann aber auf jeden Fall in die Fachausbildung der einzelnen Fächer, da muss das dringend mit rein. Um überhaupt erst einmal die Sensibilität herzustellen, was bedeutet es eigentlich mit den unterschiedlichen Behinderungen. Und wie kann ich als Arzt technisch damit umgehen.

Es wurden bei der Diskussion weitere Vorschläge zu Verbesserung der Situation gemacht. Dazu gehört das Einrichten einer Beschwerdestelle, wenn es keine barrierefreien Praxen in einer Region gibt. Wichtig sei auch eine Rechtsgrundlage, die besagt, dass es eine bestimmte Anzahl barrierefreier Arztpraxen geben muss. Dann könnte gegen die Unterversorgung geklagt und gerichtlich vorgegangen werden. Einig waren sich die Teilnehmerinnen, dass die geplanten Medizinischen Zentren für Erwachsene mit Behinderung, kurz MZEB, sinnvoll seien. Speziell bei Menschen mit kognitiver und Mehrfachbehinderung klafft eine große Versorgungslücke. Allerdings könnten die MZEB nur eine Ergänzung zur Grundversorgung sein.

Das Problem einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung für Menschen mit Behinderung wird sicherlich nicht schnell gelöst werden können. Die Veranstaltung der Fürst Donnersmarck-Stiftung unterstrich viele Notwendigkeiten auf dem Weg dorthin.

 

 

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