Hörbericht "Pandemieperspektiven"

Ein Computerbildschirm während der Jour-fixe-Onlinediskussion. Zu sehen sind die vier Fenster der DiskussionsteilnehmerInnen
 

"Krise als Chance oder volle Rolle rückwärts?" Hörbericht der Online-Diskussion vom 11. November 2020

 

Am 11. November 2020 fand der Jour fixe der Villa Donnersmarck pandemiebedingt erstmalig als Online-Diskussion im Live-Stream statt. Corona und ob die Pandemie für Menschen mit Behinderung in diesem besonderen Jahr vor allem ein großes Teilhabeminus bedeutet hat oder auch Chancen birgt, stand dabei im Mittelpunkt. Hören Sie einen Beitrag von Klaus Fechner. (reichweiten.net)

 

Transkription zum Mitlesen

Die Covid-19-Pandemie bedeutet für viele Menschen mit Behinderung Einschränkungen. Wer auf Pflege und Assistenzleistungen angewiesen ist, steht vor großen Schwierigkeiten. Wie kann der Alltag unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen organisiert werden? Bedeuten Abstand halten und soziale Distanz für Menschen mit Behinderung weniger Teilhabe? Oder bewirkt die Krise auch etwas Positives, kann sie eine Chance für nachhaltige Verbesserungen sein?

Mit diesen Fragen befasste sich die Fürst Donnersmarck-Stiftung am 11. November 2020 beim Jour fixe, der Diskussionsrunde mit Publikumsbeteiligung. Diesmal wegen der aktuellen Corona-Einschränkungen allerdings nicht in der Villa Donnersmarck, sondern als Livestream auf dem Facebook-Kanal der Stiftung. Zu Beginn ging es um die Erfahrungen und die Folgen der Pandemie vom ersten Lockdown bis zum Herbst 2020. Uwe Niksch ist Referent bei JOBinklusive, einem Projekt des Sozialhelden e. V., das sich dafür stark macht, dass Menschen mit Behinderung einen Job auf dem 1. Arbeitsmarkt finden. Er hat bei den Auswirkungen des Lockdowns einen großen Unterschied zwischen akademischen Berufen und dem Handwerk festgestellt.

 
Uwe Nicksch, JOBinklusive..org, bei der Online-Diskussion "Pandemieperspektiven"
 
 

Für Akademiker und Akademikerinnen war es relativ easy ins Homeoffice zu gehen. Oftmals konnte man wöchentliche Besprechungen online durchführen oder Workshops online durchführen. Für Handwerker und Handwerkerinnen ging es gar nicht, ins Homeoffice zu gehen. Sie brauchen die Werkstätte, um überhaupt das Handwerk ausüben zu können. Wenn es keine digitale Umstellungsmöglichkeit gab, war es mit Menschen mit Behinderung sehr schwierig, weiterhin ihre Arbeit ausüben zu können.

Die weitere Entwicklung hänge vom Verhalten der Arbeitgeber ab, ob zum Beispiel die Bereitschaft zu Homeoffice wächst und davon, wie die Hilfspakete der Bundesregierung bei betroffenen Werkstätten und Einrichtungen wirken.

Für Jessica Schröder, von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland, sind Menschen mit Behinderung nach gut neun Monaten Corona-Maßnahmen mehr benachteiligt als zuvor. Das wurde ihrer Meinung nach besonders zur Anfangszeit im Frühjahr deutlich, als es keine barrierefreie Kommunikation der Behörden gab. So wurden erst nach und nach Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt:

 
Jessica Schröder, ISL e.V., bei der Online-Diskussion "Pandemieperspektiven"
 
 

Daran sieht man immer noch, behinderte Menschen haben in unserer Gesellschaft einen geringeren Stellenwert als Alleinerziehende, als Selbstständige oder als Unternehmen. Ich meine, jeder hat im Moment echte Probleme. Aber bei Menschen mit Behinderungen merkt man, wir müssen echt richtig viel dafür kämpfen unser Recht durchzuboxen.
Deshalb hat die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben im September sieben Forderungen formuliert und diese an die zuständigen politischen Stellen geschickt. Dazu gehört zum Beispiel die Forderung, dass Menschen mit Behinderung, die von Sozialleistungen abhängig sind, eine monatliche finanzielle Zusatzleistung erhalten, um den durch die Krise bedingten Mehrbedarf zu decken.

Aus Sicht von Dr. Maja Wiest zeigt auch die Wortwahl in der Öffentlichkeit, dass Menschen mit Behinderung nicht differenziert betrachtet werden. Wiest koordiniert die Teilhabeforschung der Fürst Donnersmarck-Stiftung:

 
Dr. Maja Wiest, FDST, bei der Online-Diskussion "Pandemieperspektiven"
 
 

Wir müssen darauf schauen, dass wenn Menschen mit Behinderung ganz automatisch in die Gruppe der Risikopatienten und Menschen mit Risiko gezählt werden, wir eine völlig undifferenzierte Wahrnehmung einer ganz großen Gruppe haben. Ohne zu sagen, das ist ja eine ganz differenzierte Gruppe an unterschiedlichen Personen, die nicht automatisch ein höheres Risiko haben.

Der Begriff Risikogruppe sei außerdem missverständlich und würde beinhalten, dass diese Menschen ein Risiko, eine Bedrohung für andere darstellen. Besser wäre die Wortwahl „gefährdete Personen“.
Bei einer Befragung von Rehabilitanten, Bewohnern und Gästen von Einrichtungen der Stiftung wurden aber auch positive Entwicklungen deutlich. Es wurden vermehrt Hilfe und Unterstützung angeboten. Noch einmal Maja Wiest:

Wir haben besonders bei den Gästen der Villa ein Thema bemerkt: wahrgenommene Rücksichtnahme durch andere und auch die vielen Unterstützungsangebote, die gerade in der Anfangszeit mobilisiert worden sind. Da wurde berichtet, wie positiv das ist. Dann kann ich noch berichten, dass wir in der Stiftung erleben, dass sich mehr Personen melden, die sagen: ich möchte mich ehrenamtlich engagieren. Dieses Bewusstsein, das dazu geführt hat, ich möchte dranbleiben.

Auch auf dem Arbeitsmarkt gebe es positive Tendenzen, wie Uwe Niksch von JOBinklusive bemerkt. Viele Arbeitgeber würden umdenken und ein neues Arbeiten zulassen:

Für viele Leute ist es ein neuer Schritt, Homeoffice zu schaffen. Da hoffen wir, dass viele Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen merken, ah ja, es ist gar nicht immer wichtig, dass man vor Ort ist. Man kann auch zuhause gut arbeiten mit diesen neuen Hilfsmitteln. Dann kann man auch neue Arbeitsplätze schaffen. Das ist unser Wunsch, das könnte eine Perspektive sein.

So könnte Digitalisierung und neues Organisieren von Arbeit, neue Arbeitsplätze schaffen. Auch für Menschen mit Behinderung, die dann nicht jeden Tag im Büro erscheinen müssten. Gerade digitale Hilfsmittel könnten für die Zukunft bessere Bedingungen mit sich bringen. Darauf hofft auch Jessica Schröder. Allerdings fordert sie einen gesetzlichen Rahmen und die Mitsprache von Betroffenen:

Vor allem, was digitale Angebote betrifft – auch Beratungsangebote und Online-Veranstaltungen. Wenn man eine chronische Erkrankung hat und nicht so gut drauf ist, dann ist es super, wenn man an einer Online-Veranstaltung teilnehmen kann. Oder die Telefonseelsorge hat ihre Beratung aufgestockt und auch andere. Das finde ich ziemlich cool. Arbeitgeber haben sich umgestellt und gemerkt, Homeoffice heißt nicht nur Gummibärchen futtern und die ganze Zeit Bier trinken und rumhängen. Nein, die Leute schaffen was. Es sollte aber einen gesetzlichen Anspruch darauf geben, dass gerade Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Beeinträchtigungen zuhause arbeiten können. Aber was nicht fehlen darf ist die Mitbestimmung von den Leuten, die es betrifft. Und zwar die komplette Mitbestimmung und nicht, dass irgendwelche Experten über deren Köpfe hinwegentscheiden.

Zum Abschluss der Diskussionsrunde wurde der Wunsch der Teilnehmer deutlich, dass die positiven Entwicklungen, die im Zuge der Pandemie entstanden sind, nachhaltig und langfristig in Zukunft bestehen bleiben und vorangetrieben werden. Ein Thema, dass die Fürst Donnersmarck-Stiftung weiter begleiten wird.

 
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