Hörbericht "Vergessen und vorbei"

Podiumsdiskussion Vergessen und vorbei in der Villa Donnersmarck
 

"Menschen mit Behinderung im Nationalsozialismus – warum wir eine aktive Erinnerungskultur brauchen". Hörbericht der Podiumsdiskussion vom 9. September 2020

 

Zusammen mit der Berliner Landeszentrale für politische Bildung lud die Fürst Donnersmarck-Stiftung am 9. September 2020 zur Podiumsdiskussion in die Villa Donnersmarck. Anlässlich 75 Jahren Befreiung vom Nationalsozialismus standen Menschen mit Behinderung und das Erinnern an die an ihnen verübten Euthanasieverbrechen im Mittelpunkt. Hören Sie einen Beitrag von Klaus Fechner. (reichweiten.net)

 

Transkription zum Mitlesen

In diesem Jahr begehen wir zum 75. Mal die Befreiung vom Nationalsozialismus. Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen wurden als sogenanntes „lebensunwertes Leben“ während des Nationalsozialismus tausendfach Opfer der sogenannten „Euthanasie“, in deren Rahmen es zu systematischen Massenmorden und Zwangssterilisationen kam. Die Fürst Donnersmarck-Stiftung fragt in Kooperation mit der Berliner Landeszentrale für politische Bildung nach dem Erinnern an die Euthanasieverbrechen. 80 Jahre nach dem Beginn der Aktion T4 trafen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Kultur und von Betroffenenorganisationen zu einer Podiumsdiskussion in der Villa Donnersmarck in Berlin-Zehlendorf.
Thomas Gill, von der Landeszentrale für politische Bildung, betonte zur Eröffnung die Bedeutung der Veranstaltung:

 
Thomas Gill, Leiter der berliner Landeszentrale für politische Bildung, bei der Podiumsdiskussion Vergessen und vorbei in der Villa Donnersmarck
 
 

... dass wir uns in einer post-nationalsozialistischen Gesellschaft befinden. Dass die Strukturen, die Praktiken und die Einstellungen des Nationalsozialismus nachwirken. Das macht sich fest an Gesetzen, an Verwaltungsroutinen, aber auch an dem, was sich in unseren eigenen Köpfen wiederfindet. Wir können dem nur entgehen, wenn wir diese Verstrickungen reflektieren und dann Veränderungen herbeiführen.

Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Petra Pau beschrieb gleich zu Beginn der Diskussion den langen Weg, bis es zur Schaffung eines angemessenen Ortes der Erinnerung kam. Erst 2014 wurde die Gedenk- und Informationsstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Morde im Berliner Bezirk Tiergarten eröffnet. An dem Ort, wo die systematische Ermordung von Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten organisiert wurde. Sie betonte, dass sich aus dem Gedenken an die Vergangenheit eine Verantwortung für das Heute ableitet.

 
Petra Pau, Vizepräsidentin des deutschen Bundestages, bei der Podiumsdiskussion Vergessen und vorbei in der Villa Donnersmarck
 
 

Mit der Schaffung des Gedenkortes und auch mit der Etablierung nicht nur eines würdigen Gedenkens, sondern eines sich auch in der Öffentlichkeit Einmischens, ist es nicht getan. Wir tun das natürlich, um den Menschen ihre Würde, ihren Namen wiederzugeben, sie gemeinsam im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Wir tun das aber auch um unserer selbst, unserer Gegenwart und Zukunft willen.

Thomas Künneke ist Vorstand des Vereins Kellerkinder und Inklusionsbotschafter der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland, ISL. Aus seiner Sicht ist der aktuelle Stand der Erinnerungskultur nicht ausreichend. Denn es werde immer noch zwischen den unterschiedlichen Opfergruppen unterschieden.

 
Thomas Künneke, Verein Kellerkinder und ISL e.V., bei der Podiumsdiskussion "Vergessen und vorbei" in der Villa Donnersmarck
 
 

Menschen mit Behinderung, die im Nationalsozialismus getötet wurden, sind immer noch nicht gleichgestellt mit anderen Opfern des Nationalsozialismus. Dieses Land hat es noch nicht geschafft, diese Gruppe gleichzustellen. Es hat ein wenig damit zu tun: Wer krank ist, naja, ist das wirklich lebenswert? Es hat immer noch dieses Geschmäckle. Immer noch der Gedanke: Es gibt ja vielleicht doch einen Grund, warum wir sie zwangssterilisiert haben und warum wir sie getötet haben. Und wir stellen sie nicht gleich. Das ist immer noch eine sehr große Diskriminierung.

Eine Möglichkeit, für diese Diskriminierung in den Köpfen zu sensibilisieren, ist die aktive Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. Viele unabhängige Projekte versuchen eine Erinnerungskultur abseits des institutionellen Erinnerns an Gedenkstätten oder in Gedenkstunden und Reden zu schaffen. Dazu gehört „andersartig gedenken on stage“. Dieses Projekt fördert Theater gegen das Vergessen, indem bundesweit Jugendliche, Schülerinnen und Schüler aufgerufen werden, selbst Bühnenstücke zu den Euthanasieverbrechen zu entwickeln. Oft wirken auch Menschen mit Behinderung in den Theatergruppen mit, wie Projektleiterin Stana Schenck beschreibt:

 
Stana Schenck, Projeltleiterin andersartig gedenken on stage, bei der Podiumsdiskussion "Vergessen und vorbei" in der Villa Donnersmarck
 
 

Da kann man sehr viele Menschen an diesem Prozess, wenn Theaterstücke entstehen, beteiligen. Man hat Bühnenbilder, man kann Texte schreiben, man kann sich sehr kreativ betätigen. Theater ist etwas sehr Inklusives. Ich kann für jeden Menschen eine Beteiligungsmöglichkeit schaffen. Von daher haben wir uns darauf konzentriert, diese Formate zu finden, damit Menschen auch in Gruppen arbeiten und sich in diesem kreativen Prozess aufeinander beziehen.

Eine andere Form des Erinnerns fand Thomas Künneke mit dem Verein Kellerkinder. Ziel war es, den Opfern einen Namen zu geben. In einer öffentlichen Aktion wurden 2019 in Berlin die Namen von Euthanasieopfern vorgelesen. Insgesamt 20.000. Noch einmal Thomas Künneke:

Die Namen der Opfer wurden nur von Menschen mit Beeinträchtigungen gelesen. Und das war ein sehr spannender Prozess. Nicht nur nach außen, sondern auch nach innen gerichtet. Sie lasen erst die Namen, und irgendwann kamen sie raus und haben festgestellt, wir haben gerade Namen gelesen von Menschen, die getötet wurden. Von Menschen, die eine ähnliche Biografie haben wie wir.

Petra Pau sieht in dieser Aktion einen wichtigen Bestandteil des Erinnerns. Denn erst mit den Namen werden aus unbekannten Opfern reale Menschen.

Es gab, aus heutiger Sicht, unsägliche Auseinandersetzungen gerade zu dem Thema Namen. Da war die Scham in betroffenen Familien, so dass dieser Teil der Familiengeschichte öffentlich nicht stattfand, aber meist auch in der Familie nicht. Dann kommen diese ganzen Vorurteile: zwangssterilisiert, na dann muss doch irgendwas dran sein. Das heißt, das ist ja tief drin. Dieses Grundverständnis müssen wir ändern. Dafür streite ich auch.

Stana Schenck befürchtet, dass sich immer noch nicht viel am Grundverständnis vieler Menschen geändert hat. Denn aus ihrer Sicht wird zu wenig für Inklusion getan. In Schulen zum Beispiel werde immer noch stark unterschieden zwischen besseren und schwächeren Schülern und Schülerinnen und nach Leistungsfähigkeit beurteilt. Das sei in vielen gesellschaftlichen Bereichen so und habe eine Auswirkung auf die Erinnerungskultur.

Eine inklusive Erinnerungskultur ohne eine inklusive Gesellschaft wird nicht gelingen. Wir müssen überall ran. Wenn wir im Alltag, in der Schule, auf der Arbeit, im Theater uns alle begegnen, dann werden wir auch gemeinsam erinnern. Dann wird es uns ganz einfach, ganz organisch gelingen.

Die Diskussion in der Villa Donnersmarck hat gezeigt, dass die Frage „Wie erinnern wir uns und was folgt daraus?“ noch lange nicht beantwortet ist. Eine Diskussion, die aber auch Möglichkeiten gezeigt hat, wie es gelingen kann, dass Menschen mit Behinderung den Blick auf ihre eigene Geschichte mitgestalten können.

 
Podiumsdiskussion Vergessen und vorbei in der Villa Donnersmarck
 
 
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