Interview: Menschen mit Behinderung und Corona

Fotomontage: Ein rotes Retro-Telefon - daneben ins Bild eingeklinkt ein Foto von Dominik Peter.
 
 

Wir haben ein Telefon-Interview mit Dominik Peter, Vorsitzender des Berliner Behindertenverbands und Chefredakteur der Berliner Behindertenzeitung, geführt und aufgezeichnet. Wir haben ihn gefragt, wie Menschen mit Behinderung die aktuellen Beschränkungen der Corona-Krise für sich bewältigen können.

 

Das Interview zum Lesen

Herr Peter, wie kommen Sie persönlich mit der aktuellen Situation zurecht?  

Ich bin schon immer ein Homeoffice-Arbeiter gewesen, insofern ist es für mich nichts Neues. Ich habe aber eigentlich immer sehr viele Termine pro Woche, die ich außer Haus wahrnehme für mein ehrenamtliches Engagement. Und das fand ich immer sehr, ja, angenehm. Und die fallen eigentlich komplett weg. Mich persönlich belastet die Situation wenig, aber ich weiß, dass es vielen anderen Leuten anders geht, die das als sehr, sehr schwierige Situation aufnehmen. 

Wenn wir noch mal auf die Anfangszeit der Corona-Krise zurückschauen, da war ein Mensch mit Behinderung in der öffentlichen Information nicht gut eingebunden. Es fehlten zum Beispiel Gebärdendolmetscher bei Fernsehauftritten oder es fehlten Informationen in leichter Sprache. Da ist jetzt nachgebessert worden. Was fehlt Ihrer Ansicht bei diesem Thema „Barrierefreie Informationen zu der Corona-Krise“ sonst noch? 

Also ich fand es am Anfang dramatisch. Dramatisch deswegen, weil man frühzeitig schon vom Berliner Behindertenverband darauf hingewiesen hat, wenn es wichtige Statements gibt, muss ein regierender Bürgermeister vor die Presse treten mit einem Gebärdensprachdolmetscher oder -Dolmetscherin. Und wenn man es schon in die politische Landschaft transportiert hat und es wird so nicht gehandelt, dann finde ich das echt dramatisch, weil der regierende Bürgermeister ist für alle Personen im Land zuständig und nicht für 80 Prozent. Wenn Pressemeldungen jetzt heute, also vier Wochen später rausgehen, dann muss das auch in leichter Sprache rausgehen. Dann muss das auch in den wichtigsten Sprachen rausgehen. Und nicht, wichtige Meldungen erst zwei oder drei Tage später auf der Internetseite in den verschiedensten Sprachen kommuniziert werden. Ich glaube, da, klar die fahren jetzt alle auf Krisenmodus, die werden auch lernen. Ich bin aber als Außenstehender sehr erstaunt, dass man für Krisen solche Sachen nicht von vorneherein mitgedacht hat. Und es zeigt mir eigentlich auch wieder auf, wie wichtig es ist, politische Arbeit zu machen für Menschen mit Behinderungen und darauf hinzuweisen, was ist notwendig als Querschnittsaufgabe. Und jetzt nehmen wir mal nicht nur den regierenden Bürgermeister, sondern auch die Frau Kalayci, unsere Senatorin für Gesundheit, da muss das auch ankommen. Es darf nicht mehr in die Öffentlichkeit ohne Gebärdensprachdolmetscher, Punkt, Schluss, Aus. Das ist jetzt unabdingbar. 

Die Angebote, die es gibt, habe ich das richtig verstanden, die sind zeitversetzt? Also das heißt, wenn es entsprechend barrierefrei umgewandelt ist, wird es Menschen zugänglich, die darauf angewiesen sind? 

Ich nenne ein Beispiel. Als die Corona-Krise losging, wurden Sachen veröffentlicht, die nicht in leichte Sprache transportiert wurden, also ganz einfache Sprache, um das zu erklären, was da vielleicht passiert. Da waren dann Verbände da, die das getan haben. Ich nenne jetzt mal die Lebenshilfe, die Corona in leichter Sprache erklärt haben. Ich finde das eigentlich eine Aufgabe von dem zuständigen Senator oder Senatorin, das mitzudenken. Und nur, wenn es von Anfang an mitgedacht wird, fühlen sich die Leute auch mitgenommen. Und das nicht mitgenommen sein, egal mit wem ich telefoniere in den letzten 14 Tagen, das bleibt hängen. Und das ist schädlich gewesen. 
Menschen mit Behinderungen gehören ja zur Risikogruppe. Eine Infizierung mit dem Corona-Virus gefährdet sie unter Umständen massiv. Jetzt hat man in den letzten Wochen den Appell in eigener Sache in den sozialen Medien beobachten können. Haben Sie den Eindruck, dass das was bewirkt? 

Nein, habe ich nicht den Eindruck. Es wird immer noch zu wenig über diese Menschen diskutiert. Wir können nicht tatsächlich der Meinung sein, dass wir mit den sozialen Medien noch Einfluss haben auf diese brandgefährliche Situation, die wir jetzt gerade haben. Wir können direkt im Gespräch mit den Politikern darauf hinweisen, das hilft. Und das wird auch getan. Soziale Medien machen auch einen Hype draus. Wir müssen rational jetzt argumentieren. Wir müssen rational argumentieren, wieso Menschen besonderen Schutz bedürfen. Wieso die Pflegekräfte, die Assistenzkräfte einen besonderen Schutz bedürfen. Da gibt es Ansätze, vollkommen richtig, die sind da, aber da müssen wir, glaube ich, noch mehr Druck machen, aber nicht durch die sozialen Medien. Ich glaube kaum, dass noch ein regierender Bürgermeister jetzt Zeit hat, seinen Facebook-Account zu checken. Ich glaube, da hilft der Kontakt, der besteht zwischen den Wohlfahrtsverbänden und der Senatsverwaltung, dass man da auf diese Problematik aufmerksam macht. 

Schauen wir auf den Alltag, wirken sich die bestehenden Einschränkungen ja auf das Leben mit Assistenzbedarf massiv aus. Welche Probleme sehen Sie speziell im Alltag von Menschen mit Behinderungen, zum Beispiel beim Einkaufen? 

Na ja, das fängt schon an, dass Menschen mit Behinderungen wahrscheinlich gar nicht mehr selber einkaufen gehen, weil sie sich elbst schützen wollen und zu Hause bleiben. Sie sind auf Assistenzangebote angewiesen, auf Helferangebote. Das fände ich wieder toll. Und ich glaube, das dürfen wir nie vergessen, wie viele Leute sich jetzt ehrenamtlich in irgendeiner Form einbringen, die Einkäufe abnehmen zum Beispiel. Ein riesiges Angebot von ganz, ganz, ganz, ganz tollen Initiativen, die das stemmen. Aber ich mache auch noch auf ein anderes Angebot aufmerksam. Die Aktion Mensch haut jetzt einfach mal 20 Millionen raus für Assistenz. Sie hat erkannt, dass das eine Zielgruppe ist, die jetzt Hilfe braucht. Wir arbeiten, also ich bekomme sogar Mails samstags von der Aktion Mensch, das heißt also, die arbeiten auch am Wochenende. Und das finde ich toll, dass man eine Organisation hat, die jetzt ein ganz einfaches, niederschwelliges Angebot angestoßen haben, um genau dieser Zielgruppe zu helfen. Und das finde ich wunderbar. Und das muss man auch kommunizieren und da muss man auch Danke sagen. 

Der 5. Mai fällt  dieses Jahr nun mitten in die Corona-Zeit. Veranstaltungen sind ja nach dem derzeitigen Stand der Dinge abgesagt, das ist klar. Gibt es eine Überlegung, Aktionen rund um den 5. Mai ins Netz zu verlegen? 

Also das ist natürlich ganz dramatisch gewesen für uns Organisationsvereine, da wir uns schon seit Dezember damit beschäftigen, das vorzubereiten. Das ganze Werbematerial, angefangen von Plakaten, Flyer liegt alles schon in unserer Geschäftsstelle. Ist gedruckt, ist fertig, kann nicht mehr verschickt werden, weil wir natürlich gesagt haben, auch wenn sich ab dem 20. April Lockerungen aufzeigen, wir unmöglich die Verantwortung übernehmen können, so eine Großveranstaltung zu planen. Wenn wir davon ausgehen, dass das Abgeordnetenhaus sogar bis Mitte Juni sich abkapselt, dann können wir auch davon ausgehen, dass wir überhaupt gar keine Genehmigung für den 5. Mai bekommen würden, so was durchzuführen. Ich glaube, da wird die Gesetzeslage auch noch eine andere sein. Ja, natürlich gibt es Alternativen. Wir werden das in der Berliner Behindertenzeitung platzieren, was unsere Forderungen gewesen wären von den einzelnen Verbänden, die wir da auf der Abschlusskundgebung gebracht hätten. Wir werden Podcasts zusammenstellen, die im Internet zur Verfügung stellen, wo wir auch noch mal darauf eingehen, was ist der 5. Mai und was wäre unsere Forderung gewesen. Es wäre sehr viel mehr möglich, aber alle Vereine, die in dieser Organisation mit dabei waren, haben gerade mit Problemen zu kämpfen, die ganz viel Arbeitszeit bindet. Deswegen bin ich froh, dass wir das in die Berliner Behindertenförderung bringen, dass wir das als Podcast bringen und dass wir das auf unseren Internetseiten darstellen. Ja, und das unsere Planung bisher.

 
Eine Bühne beim Aktionstag 5. Mai 2019 - auch Dominik Peter ist im Bild.

Dominik Peter (3. v.l.) beim Akionstag 5. Mai 2019

 
 

Bleiben wir noch mal kurz bei den Medien. Corona, was sämtliche Medien besetzt hält, und Inklusion - beißt sich das oder sehen Sie da auch eine Chance, dass Inklusion durch diese Krise befördert werden kannß. Zum Beispiel weil Sie Probleme, wie wir sie eingangs besprochen haben, auch sehr offenlegen kann? 

Also bei den Meetings stelle ich fest, es wird sehr viel über Pflege und Senioren, Pflegeeinrichtungen und Senioreneinrichtungen gesprochen, weil es da Fälle gibt, wo ein Ausbruch in einem dieser Pflegeheime zum Beispiel gibt. Ja, wenn man genau hinguckt, gibt es die eine oder andere Publikation, die sich eigentlich auch mal mit deren Risikogruppen Diabetiker, Menschen mit Behinderungen allgemein beschäftigt, ist aber ganz, ganz klein. Aber eigentlich ist das ja genau auch eine Schützung der Gruppen und nicht nur die Senioren und die Menschen, die in Pflegeeinrichtungen leben. Das kommt mir noch zu kurz. Ich glaube, das nimmt oder wird sehr, sehr stark Fahrt aufnehmen, wenn wir darüber diskutieren werden, wer darf denn noch an einen Platz, wo es ein Atemgerät gibt und wer nicht. Ich finde, das ist eine Diskussion, die ist für mich albtraumhaft, wird aber auf uns zukommen, hoffentlich nicht. Hoffentlich nicht. 

Sie spielen zum Beispiel auf italienische Verhältnisse an, wo Ärzte entscheiden müssen?

Ja.  

Welche gesundheitlichen Voraussetzungen bringt ein Patient mit und der kriegt ein Beatmungsgerät und der andere halt nicht? 

Ja, genau. Das findet natürlich schon auch in den sozialen Medien oder in Zeitungen statt, da gibt es ja auch schon Verbände, die sich positioniert haben. Für mich ist das ein Albtraum, ein absoluter Albtraum. Mit der deutschen Geschichte, die wir haben, mit Euthanasie, mit all diesen, ich kann darüber gar nicht unemotional sprechen. 

Das kann ich verstehen. 

Weil ich selber betroffen bin. Ich wäre wahrscheinlich ein Kandidat, wo man sofort sagen würde: „Braucht gar nicht ins Krankenhaus zu kommen, sterben Sie zu Hause.“ Ich sage es ja mal wirklich überspitzt. Die Diskussion, hoffentlich wird sie nie auf uns zukommen. Hoffentlich sind unsere Systeme so ausgelegt, dass wir auch in Spitzenbelastungen Stand halten können und diese Diskussionen gar nicht brauchen. 

Es wird ja bereits sehr stark diskutiert, inwiefern die ganzen Kontaktsperren aufgelockert werden können. Wer darf raus, wer muss noch zu Hause bleiben. Diese Debatte is ja auch für Menschen mit Behinderungen, die wie gesagt zur Risikogruppe zählen, eine ganz wichtige. Was raten Sie den Menschen mit Behinderungen in den nächsten Wochen? Wie schätzen Sie die Situation ein, wie es die nächsten Wochen weitergehen könnte? 

Also mein erster Rat ist Vorsicht walten zu lassen und sich kundig zu machen, um was es gerade geht und nicht in Panik zu verfallen. Also Wissen ist der beste Schutz, das ist einfach so. Und alles Weitere kann ich mit heutigem Stand überhaupt nicht sagen. Ich weiß nicht, wie wir in 14 Tagen dastehen werden oder in drei Wochen. Es geht um die Menschen, die einen besonderen Schutz bedürfen. Und den besonderen Schutz müssen wir gewährleisten. Und es fängt bei so banalen Sachen an, dass die Assistenten, die Pflegekräfte ihren blöden Mundschutz bekommen. Und auch wir unsere Mundschütze bekommen, aber mit heutigem Stand, ich kann den Leuten nichts raten, ich weiß es nicht. Ich bin selber ratlos, ich schaue mir die Situation in zwei, drei Wochen an und danach handele ich. Ich bin aber eine Person, die weiß, was in einem Leben alles passieren kann. Und deswegen haben wir beim Berliner Behindertenverband ganz, ganz früh Schutzmechanismen aufgebaut. Das heißt, sofort ins Homeoffice, da war noch überhaupt nicht die Rede von den strengen Vorgaben seitens des Gesetzgebers. Aber ich sage immer zu meinen Leuten, die jetzt im Homeoffice arbeiten: „Entspannt euch, Homeoffice kann auch eine Chance sein.“ Und was wir in drei Wochen den Leuten raten, ich kann es Ihnen heute wirklich nicht sagen, ich würde es gerne wissen, aber kann nicht in die Kristallkugel gucken. 

Es kann gut sein, dass wir vielleicht in drei Wochen noch mal nachfragen, ob Sie dann mehr Erkenntnisse haben.  
Wo Sie die Situation dann vielleicht schonanders einschätzen können, als das heute möglich ist. Die Wahrsagerkugel, die hat keiner bei uns im Homeoffice, das ist richtig. 

Genau. 

Letzte Frage noch: die Berliner Behindertenzeitung is ja gerade erschienen. Wie sieht es jetzt mit der nächsten Ausgabe aus? Schaffen Sie es, trotz erschwerter Bedingungen, sie zu veröffentlichen? 

Sehr, ja, sehr erschwerten Bedingungen, also schon diese Ausgabe, die Sie gerade angesprochen haben, das ist die April-Ausgabe, die ging noch ganz normal, wurde noch ganz normal vom Grafiker gestaltet, wurde ganz normal noch gedruckt. Und dann kam der sogenannte Shutdown. Die Zeitung wurde angeliefert, es war nur ein Mensch im Büro, der das entgegennahm, die Zeitung. Und normalerweise findet das bei uns statt, das waren so rund zehn Leute, die machen das ehrenamtlich, an zwei Tagen kommen und den Versand bewerkstelligen. Also sprich, an die Abonnenten, an die Vereinsmitglieder, an die Auslegestellen, die wir haben, das eintüten und verschicken. Das ging natürlich mit zehn Leuten überhaupt nicht mehr. Und da kam so eine Hilfsaktion, die mir damals wirklich Tränen in die Augen schließen gelassen hat, der Grafiker sitzt zu Hause im Homeoffice mit seiner Familie. Die Tante mit den Kindern wohnt zwei Häuser weiter, die sind im Familienverband sozusagen permanent unterwegs. Die sind in die Geschäftsstelle gefahren und haben in der Geschäftsstelle, da waren Kinder dabei, die keine Schule hatten. Und diese Kinder haben diese BBZ eingetütet, weil es ein Familienverband war, der eh zusammen zu Hause ist, war das natürlich gefahrlos. Wo wir gesagt haben, wunderbar, also da steckt sich keiner in der Geschäftsstelle an, sondern wenn das in die Familie kommt, dann ist das irgendwo anders reingekommen. Und das fand ich ganz, ganz toll, dass da Schulkinder, die nicht in die Schule gehen konnten, unsere BBZ eingetütet haben. Die haben das nicht alles an einem Tag geschafft, heute machen sie noch den Abschluss. Da werden dann auch noch mal welche eingetütet. Und da ist dann der Onkel dabei, die machen da ein Happening draus und ich finde das wunderbar. Genau dasselbe werden wir wahrscheinlich mit der nächsten Ausgabe machen. Die wird im Homeoffice erstellt, die Druckerei druckt noch. Und den Versand werden wir so vornehmen. Wenn ich noch eins anmerken darf: Normalerweise legen wir die BBZ ja auch aus bei Adressen, wo wir wissen, dass Menschen mit Behinderungen aufschlagen, ich sage jetzt mal Bürgerämter, Beratungsstellen, bei euch wissen wir, dass sie in der Villa ausgelegt wird. Viele dieser Einrichtungen sind geschlossen, also wir könnten die gar nicht dorthin schicken. Und dann haben wir uns gesagt, na ja, wunderbar, wenn die Leute nicht dahin kommen, wo sie normalerweise liegt, in den Nachbarschaftshäusern, in unheimlich vielen unterschiedlichen Stellen, dann schicken wir sie dahin, wo die Leute sich jetzt tagsüber aufhalten, also zum Beispiel in die Wohngemeinschaften. Was allerdings zur Folge hat, dass die Versandkosten wahnsinnig gestiegen sind, weil wir halt nicht mehr 20 Stück in eine Beratungsstelle schicken, sondern 20 Stück woanders halt einzeln hingeschickt haben, zum Beispiel. Das müssen wir jetzt einfach mal zwei, drei Monate praktizieren, aber finanziell ist das natürlich dramatisch. 

Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch. 

 

Anmerkung: Die schriftliche Fassung des Interviews wurde an einigen Stellen zu Gunsten der besseren Lesbarkeit und inhaltlichen Klarheit leicht gekürzt und umformuliert.

 

Das Interview führte Ursula Rebenstorf.

 
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