Podiumsdiskussion Holocaust-Mahnmal

Wege ebnen für ein barrierefreies Holocaust-Mahnmal

Podiumsdiskussion in der Fürst Donnersmarck-Stiftung mit Lea Rosh und Martin Marquard

Pressemitteilung, 11. September 2002

Einem interessierten Publikum wurde gestern erstmals der Konflikt um Probleme der Barrierefreiheit bei der Errichtung des Stelenfelds nach dem zweiten Entwurf des New Yorker Architekten Peter Eisenman öffentlich dargestellt. Lea Rosh, Vorsitzende des Förderkreises zur Errichtung eines Mahnmals für ermordete Juden in Europa, Martin Marquard, Landesbehindertenbeauftragter von Berlin, Manfred Schasler, von Eisenman mit der Baudurchführung beauftragter Architekt, und andere diskutierten unter der Moderation von Dr. Ralf Melzer, Journalist und Historiker, in der Zehlendorfer Villa Donnersmarck über Barrierefreiheit für das Holocaust-Mahnmal. Zu Beginn betonte Wolfgang Schrödter, Geschäftsführer der Fürst Donnersmarck-Stiftung, das dringende Interesse der Podiumsgäste, das Holocaust-Mahnmal zu realisieren. Er äußerte die Hoffnung, "einen gemeinsamen Konsens zu finden, um die vorliegende Planung noch tatsächlich auf das Niveau einer barrierefreien Planungsvorlage zu heben."

Hintergrund der Debatte ist die zwei Jahre alte Thematik der Barrierefreiheit im Zusammenhang mit dem Denkmalsbau. Die im Juni 1999 vom Deutschen Bundestag beschlossene Errichtung des Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist Anlass der Kritik des Landesbehindertenbeauftragten Marquard. Ein rollstuhlgerechter Zugang zum Stelenfeld soll lediglich über ca. 10 Ost-West-Passagen erfolgen, da das zum Teil starke Gefälle weitere Wege für Rollstuhlfahrer im Stelenfeld unmöglich macht. "Das Mahnmal kann nicht alle Bedürfnisse befriedigen. 50% des Stelenfeld sind für Menschen mit Behinderungen zugänglich, das ist genug", so Lea Rosh. Der Landesbehindertenbeauftragte wies diese Aussage entschieden zurück und kritisierte: "Wir wollen das Denkmal, aber nicht in der bisherigen Bauweise. Es kann nicht Sinn und Zweck dieses nationalen Denkmals sein, nur teilweise Rollstuhlfahrern zugänglich zu machen." Marquard warf der Stiftung, die zugleich Bauherr ist, vor, mit falschen Zahlen die Öffentlichkeit zu beruhigen und den behinderten Menschen irreführende Angebote zu machen.

Die Klage des Sozialverbands VdK gegen die Baugenehmigung nannte Lea Rosh "unsinnig" und kritisierte den Aspekt, dass die Opfergruppen des Holocausts sich untereinander ausbremsen würden. "Es muss klar benannt werden, dass das Kunstwerk nicht mehr dasselbe Denkmal sein wird, wenn mehr Barrierefreiheit durchgesetzt wird," so die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals.

Berndt Maier vom VdK Berlin-Brandenburg begründete die Klage gegen das Mahnmal mit der Klagebefugnis, die der Sozialverband stellvertretend für den Landesbeirat für Behinderte, der auf die Einhaltung des neuen Bundesgleichstellungsgesetzes und des Landesgleichstellunggesetzes zu achten hat, wahrzunehmen hat. Wolfgang Schrödter unterstützt diese Klageschrift. "Man kann Konsens nicht verordnen. Die Forderung nach Barrierefreiheit ist essentiell und die Gesetzeslage im Bund und im Land schreibt dies auch zwingend vor," so der Gastgeber und Geschäftsführer der Fürst Donnersmarck-Stiftung zu Berlin.

Der Vorwurf, dass mit der Klage das Projekt zum Scheitern gebracht würde, wies das diskutierfreudige Publikum, in dem zahlreiche Menschen mit Behinderung saßen, energisch zurück. Die Schwierigkeit liege beim Bauherrn des Denkmals und bei der Senatsverwaltung, die die Baugenehmigung mit Befreiung von den Vorschriften des § 51 der Berliner Bauordnung (Barrierefreiheit) erteilt hat, so der Tenor im Publikum, und nicht in der Forderung nach Barrierefreiheit und damit bei den Behindertenverbänden.

Dr. Günther Schlusche, Architekt der Stiftung für das Mahnmal, beschrieb die Topographie und die Erfahrbarkeit des Mahnmals und betonte die künstlerische Freiheit des Architekten. "Das Mahnmal ist kein öffentliches Gebäude", erklärte auch Lea Rosh die künstlerische Freiheit des Stelenfelds und betonte die vollständige Berücksichtigung der Belange von behinderten Menschen in dem unter dem Stelenfeld geplanten Ort der Information. Der Landesbehindertenbeauftragte Marquard wies hingegen darauf hin, dass die Baugenehmigung für ein Bauwerk (und nicht für ein Kunstwerk) beantragt und erteilt worden ist.

Im Gegensatz zu der Befürchtung, dass weitere Verhandlungen zur Verhärtung der Fronten führen würde, schätzte Wolfgang Schrödter den Gesprächsaustausch als konsensorientiert ein. "Das Bewusstsein für die Problematik für die Barrierefreiheit wurde mit dem heutigen Abend geschärft. Ich habe die Hoffnung, dass Wege hin zu Barrierefreiheit des Denkmals geebnet worden sind."

Ursula Hartung