Kraftknotensystem

Jourfixe zum Kraftknotensystem

Wie sicher sind die Fahrdienste für Menschen im Rollstuhl?


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Ein interessiertes Publikum diskutierte am 12. November 2003 erstmals in Berlin mit Experten über die DIN Norm 75078 - 2, auch Kraftknoten-Norm genannt. Die DIN Norm legt die Sicherheitsvorkehrungen für Fahrdienste, die Menschen mit Behinderungen befördern, fest.

Hintergrund dieser Veranstaltung ist die zunehmende Verunsicherung vonNutzern der Behindertenfahrdienste über deren Sicherheitsstandards.Seitdem im Juli diesen Jahres in Berlin eine Rollstuhlfahrerin imFahrdienst tödlich verunglückte, stehen die Sicherungssysteme bei derBeförderung von Rollstuhlnutzern bundesweit auf dem Prüfstand. DasKraftknotensystem der Bundesanstalt für Verkehrswesen, welches die vierJahre alte Norm vorschreibt, würde bei konsequenter Anwendung den Fahrdienstnutzern optimale Sicherheitgewährleisten, erfährt aber bei den Rollstuhlfahrern undFahrdienstbetreibern bislang keine Anwendung. Die FürstDonnersmarck-Stiftung hat daraufhin die Bundesanstalt fürVerkehrswesen, die Krankenkassen, die Berliner Telebusbetreiber undRollstuhlhersteller zu einer Podiumsveranstaltung geladen, um Menschenmit Behinderungen über das Kraftknotensystem zu informieren, Fragen derFinanzierung zu diskutieren und über Möglichkeiten der Nachrüstung beiRollstühlen zu informieren.

"Der Schwachpunkt bei der Sicherung von Menschen in ihren Rollstühlenwährend der Beförderung z.B. beim Telebus sind die technischenUnzulänglichkeiten beim Rückhaltesystem" erklärte Andre Seekvon der Bundesanstalt für Straßenwesen und Mitglied desArbeitsausschusses "Behindertentransportkraftwagen" des DeutschenInstituts für Normung. Der Bundesanstalt zur Folge sind sowohl dieRollstühle wie auch die Befestigungsvorrichtungen in allenKraftfahrzeugen für Rollstuhlnutzern bundesweit mangelhaft.Zurückzuführen ist dieser Umstand besonders darauf, dass Rollstühlegrundsätzlich nicht zur Beförderung von Menschen innerhalb eines Bussesgeeignet sind. Daher werden Rollstühle auch bei sorgfältiger Sicherungwährend der Fahrt bei Unfällen zu einer Gefahr für den Fahrgast. DasKraftknotensystem hingegen ermöglicht eine bessere Sicherung derRollstühle im Bus, zusätzliche Rückhaltsysteme wie Gurte im Becken- undSchulterbereich sorgen für größeren Schutz der Menschen mitBehinderungen. "Durch den Kraftknoten sinkt die Wahrscheinlichkeit,lebensgefährliche Verletzungen zu erleiden," fasste Seek die Vorteiledieses Systems zusammen.

Führende Rollstuhlhersteller wie Permobil, Sunrise Medicalunterstrichen auf der Veranstaltung ihr Interesse am Kraftknotensystem."Unsere Rollstühle sind für die maximale Mobilität im Alltag ausgelegtund nicht für den Behindertentransport in Kraftwagen und evtl. dabeiauftretende Unfälle," beschrieb Sonja Gerster von SunriseMedical das Problem für Rollstuhlhersteller. "Bringen wir alsHersteller Kraftknoten an unseren Rollstühlen an, verändern wir derenZweckbestimmung und übernehmen die Haftung für Verletzungen, die beieinem Unfall durch unsere Rollstühle entstehen," so Gerster weiter.

"Auch das beste Rückhaltesystem nützt nichts, wenn es in den Fahrzeugennicht angewendet werden kann", kritisierten Stimmen aus dem Publikum. Michael Gebel,Schulungsleiter vom Verband der Vereinigten Telebusunternehmer,versicherte, dass die Fahrer beim Telebus verstärkt für dasKraftknotensystem trainiert werden.

Nachgefragt wurden insbesondere Fragen zur Finanzierung desKraftknotensystems. "Nachdem jetzt die technischen Möglichkeiten zursignifikanten Verbesserung der Verkehrssicherheit von behindertenMenschen vorhanden sind, sollten die Kostenträger (z.B. dieKrankenkassen) eine grundsätzliche Ausstattung bzw. Nachrüstung vonRollstühlen positiv entscheiden. Hier sehe ich jedoch noch einerhebliches Informationsdefizit," forderte Seeck. Dagmar Engvervon der BKK - Verkehrsbauunion bestätigte, dass die Krankenkassen fürihre betroffenen Kunden gegenwärtig nicht automatisch die Kosten derNachrüstung von Rollstühlen übernehmen können. Für den Privatnutzer hatdas zur Konsequenz, dass er mit ca. 300 EURO Kostenanteil rechnen muss,wenn er bei AMF Bruns, derzeit dem einzigen Anbieter in Deutschland,seinen Rollstuhl mit dem Kraftknoten ausrüsten lässt.

Die Veranstaltung konnte für die Notwendigkeit, Menschen im Rollstuhlbei der Beförderung im Bus besser zu sichern, sensibilisieren. "Zielist es, die offenen Fragen zu benennen und endlich den Dialog zwischenden Betroffenen, den Rollstuhlherstellern und den Krankenkassenherzustellen, das ist heute Abend gelungen", fasste die Moderatorin Eileen Moritz,Fürst Donnersmarck-Stiftung, die Ergebnisse der Veranstaltung zusammen.Weitere Informationen zur aktuellen Debatte um das Kraftknotensystemveröffentlicht auch der Bundesverband für Körper- undMahrfachbehinderte e.V. www.bvkm.de sowie die Fürst Donnersmarck-Stiftung unter www.fdst.de

Ursula Rebenstorf, Fürst Donnersmarck-Stiftung, Öffentlichkeitsarbeit FBB
Ein Nachbericht mit Fotos

 
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