Nicht-Diskriminierung

Nicht-Diskriminierung plus positive Handlungen bewirken soziale Integration

Bundesverband Deutscher Stiftungen zum europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung

Helga Hofinger


Am 15. Mai begrüßte Ulrich Wickert ausnahmsweise mal nicht mit "Guten Abend", sondern die Teilnehmer der Diskussion in der Kreditanstalt für Wiederaufbau hintergründig mit einem "Guten Tag! Schön Sie auch einmal zu sehen!" Der Arbeitskreis "Soziales" im Bundesverband Deutscher Stiftungen nahm im Rahmen der Jahrestagung das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderung mit dem Dreiklang "Teilhabe - Gleichstellung - Selbstbestimmung" zum Anlass, um über das Leitprinzip der "Deklaration von Madrid" zu diskutieren. "Nicht-Diskriminierung plus positive Handlungen bewirken soziale Integration", lautet diese Deklaration, die beim Europäischen Behindertenkongress im März 2002 als Vision für das EU-Jahr formuliert wurde. Basierend darauf diskutierte das hochkarätig besetzte Podium, wie soziale Stiftungen in Europa diesen Prozess gestalten können und welchen Einfluss Betroffene und Politik haben bzw. haben sollten.



 
Vier Mitarbeiter des Arbeitskreis Soziales
v.r.n.l.: Rainer Wilmerstadt, Mineke Hardeman, Ulrich Wickert, Dr. Sigrid Arnade


Von den 10.000 deutschen Stiftungen sind 60% sozial tätig. "Offensichtlich ist es notwendig, einen Bewusstseinswandel zu vollziehen", meint Matthias Wilkes, Leiter des Arbeitskreises "Soziales" in seiner Einleitung. Frau Dr. Sigrid Arnade, Betroffene und Stifterin der Stiftung Lebensnerv bestätigt diese These durch ihre Aussage, dass "in Deutschland eine Tradition der Bevormundung und Aussonderung" herrsche. "Dies führt zu fürsorglicher Entmündigung", meint sie weiter. "Ich erwarte von sozialen Stiftungen, dass diese selbst einen Perspektivenwechsel vollziehen, Projekte Betroffener fördern und besonders Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung schaffen", so Arnade. "Durch die Verabschiedung des SGB IX und das Gleichstellungsgesetz hat die Politik eine wichtige Basis für Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung geschaffen. Durch die Sparwut hat sich die Situation der Betroffenen trotzdem verschlechtert."


Rainer Wilmerstadt, Leiter der Abteilung "Belange behinderter Menschen/Sozialhilfe" im Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung beruft sich darauf, dass die gesetzlichen Grundlagen durchaus die Chance zur Teilhabe und Gleichstellung bieten. " Es wurde z.B. ein flächendeckendes Netz von Servicestellen aufgebaut, die Möglichkeiten werden von den Betroffenen einfach zu wenig genutzt", meint Wilmerstadt. Pastor Peter Fenner, Vorstandsvorsitzender des Ev. Johannesstiftes meint dazu, dass Selbstbestimmung nicht jedem Betroffenen möglich sei. Er verweist insbesondere auf schwerstmehrfachbehinderte Menschen. Frau Dr. Arnade kontert: "Selbstbestimmung bedeutet Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen akzeptablen Alternativen, dies muss auch für Menschen mit geistiger Behinderung durch Unterstützung möglich sein. In Deutschland herrscht das Motto: Friss Vogel oder stirb."

Mineke Hardeman, Direktorin der niederländischen Stiftung Het Dorp antwortet auf die Frage, ob das Bewusstsein für Selbstbestimmung in den Niederlanden schon weiterentwickelt sei als in Deutschland: "Bei uns gibt es bereits persönliche Assistenzbudgets über die Betroffene frei verfügen können. Andererseits - trotz der seit einigen Jahren ökonomisch guten Lage haben nicht mehr Behinderte Arbeit. Traditionell gibt es in Holland aber viele lokale Organisationen von Menschen mit Behinderungen, die sich für ihre Bedürfnisse einsetzen."


Frau Dr. Arnade meint diesbezüglich, dass es wichtig sei, dass mehr Betroffene im Vorstand von sozialen Stiftungen präsent seien, dadurch sei Selbstbestimmung garantiert.

Initiator der Podiumsdiskussion war die Fürst Donnersmarck-Stiftung. Maßgebliche kulturelle und logistische Beiträge leisteten die Albert Schweitzer Stiftung, Stiftungen von Bodelschwinghsche Anstalten Bethel und die Ev. Stiftung Neuerkerode. "Mr. Tagesthemen" Ulrich Wickert zeigte auch persönliches Engagement in der Sache, moderierte er doch die Veranstaltung kostenlos.


Podiumsdiskussion am 15. Mai 2003 mit Ulrich Wickert