Zukunft der Rehabilitation - Zukunftskonferenz der BAR

Teilhabe ist mehr: Die Zukunft des Rehabilitationssystems

Nutzerorientierte, vernetzte Rehabilitations- und Teilhabeverfahren

Ingo Müller-Baron


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Erste Ausblicke und Einschätzungen
Das zukunftsfähige System der Rehabilitation und Teilhabe behinderterund chronisch kranker Menschen zeichnet sich nach übereinstimmender Auffassung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die an einerZukunftskonferenz der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation(BAR) teilgenommen haben, durch eine konsequente Nutzerorientierung undeine bedarfsgerechte, effiziente und qualitätsgesicherte Leistungserbringung aus. Die inhaltliche und organisatorische Vernetzung der Leistungen, Dienste und Akteure ist hierfür unabdingbareVoraussetzung. Ein solche Orientierung des Systems gewährleistet Nachhaltigkeit und Langzeitwirksamkeit sowohl für betroffene Menschenals auch für Leistungserbringer und Leistungsträger. Um diese Ziele zuerreichen, müssen die schon jetzt im SGB IX enthaltenen Ansätzekonsequent umgesetzt und fortentwickelt werden.

Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik
Die BAR hatte am 17. und 18. November 2003 zu einer Zukunftskonferenzunter dem Motto "Teilhabe ist mehr: Selbstbestimmung und Mitgestaltungin der Rehabilitation" eingeladen, um vor dem Hintergrund des Paradigmenwechsels in der Behindertenpolitik, weg von der Fürsorge und Versorgung behinderter Menschen hin zur selbstbestimmten Teilhabe amgesellschaftlichen Leben, über die Gestaltung eines zukunftsweisenden Systems der Rehabilitation und Teilhabe zu diskutieren.

Ziel der Konferenz war es unter Einbeziehung aller wichtigen Blickwinkel und Perspektiven und im konstruktiven Dialog zwischen denbeteiligten Interessengruppen, konsensfähige Lösungsansätze und Umsetzungsideen zu erarbeiten. Die Ergebnisse der Konferenz sind als Beitrag der BAR für das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen-EJMB 2003 gedacht. Gleichzeitig sollen sie als Ausgangsbasis für eine Positionsbestimmung der BAR-Selbstverwaltung für die Diskussionen umdie Weiterentwicklung des Systems der Rehabilitation und Teilhabebehinderter und von Behinderung bedrohter Menschen dienen.

Den rund 60 Experten aus unterschiedlichen Bereichen des Systems der Rehabilitation und Teilhabe behinderter und chronisch kranker Menschen-darunter neben Vertretern der Selbsthilfe-und Behindertenverbändeauch Rehabilitandinnen und Rehabilitanden selbst -war die Aufgabegestellt gemeinsam Zukunftsentwürfe zu erarbeiten. In ach tArbeitsgruppen, die jeweils aus Vertretern der Selbstverwaltung und Verwaltung der Rehabilitationsträger, der Selbsthilfe- und Behindertenverbände, aus Rehabilitanden, Vertretern von Einrichtungenund Dienstleistungsanbietern, aus Fachkräften in der Rehabilitation sowie Vertretern von Wissenschaft und Politik zusammengesetzt waren,konnten nach einer sehr intensiven und konstruktiven Zusammenarbeitgroße Übereinstimmungen über die wichtigsten Faktoren für ein für alleerstrebenswertes Zukunftsmodell festgestellt werden.

Individualisiertes und zielorientiertes Vorgehen
Ansatzpunkt für ein zukunftsfähiges System der Rehabilitation und Teilhabe ist bei Beibehaltung des gegliederten Systems der Sozialen Sicherung, die Entwicklung von nutzerorientierten, vernetzten Rehabilitations-und Teilhabeverfahren, die ein starkindividualisiertes und zielorientiertes Vorgehen aller Kräfte vorsehen. Insbesondere durch die Stärkung der Eigenverantwortung der beteiligten Menschen und durch die Einbindung wettbewerblicher Kräfte können Effizienz und Effektivität der Versorgung gesteigert werden ohne neue Institutionen oder administrative Ebenen einzuführen und damit die Bürokratie aufzublähen.

Unstrittig war mittlerweile, dass ein effektives Hilfe- undUnterstützungssystem für behinderte und chronisch kranke Menschen die Orientierung an den Rechten und Bedürfnissen der betroffenen Menschen voraussetzt. Gleichzeitig wurde deutlich, dass das heutige System nochzu sehr vom traditionellen Verständnis von Fürsorge und Versorgung (Akutmedizinisches Paradigma) geprägt ist, obwohl es vielfältige Ansätze zur Umsetzung des neuen Paradigmas der Selbstbestimmung sowohlin den Gesetzen als auch den konzeptionellen Überlegungen gibt.

Daher muss der schon vorhandene Ansatz, Menschen mit Behinderung als Experten in eigener Sache anzuerkennen, weiterentwickelt werden. Daskünftige Rehabilitationssystem muss die individuellen Stärken, Lebensplanungen und Zielvorstellungen der Betroffenen in den Mittelpunkt aller Entwicklungen und Aktivitäten stellen. Der Mensch mit Behinderung als Subjekt im Rehabilitationsprozess bedeutet die konsequente Ausgestaltung der schon gesetzlich verankerten Wunsch- und Wahlrechte. Dabei ist auch ausschlaggebend, dass behinderte Menschen, ihre Angehörigen und ihr soziales Umfeld mit ihren Kompetenzenunverzichtbare Ressourcen im gesamten Prozess sind.

Anlaufstelle/Clearingstelle für Beratung und Unterstützung
Nutzerorientierung und bedarfsgerechte Leistungen setzen im gesamten System Transparenz und Verständlichkeit voraus. Dies beginnt mit derbarrierefreien Zugänglichkeit zu Informationen und einer niedrigschwelligen, umfassenden und trägerübergreifenden Beratung. Dabei wird ein verändertes Selbstverständnis von professionellen Beratungsfachkräften erwartet, die ihr Beratungsangebot als einenutzerorientierte Dienstleistung verstehen müssen und damit einenschnellen bürgernahen Zugang zu Rehabilitations- und Teilhabeleistungenermöglichen. Damit verbunden ist die Funktion einer ersten Anlaufstelle/Clearing stelle, die eine verbindliche Zuständigkeitszuordnung ermöglicht.

Diese Beratung und Unterstützung muss qualifiziert und ganzheitlichsein und zu einer gemeinsamen Bedarfsermittlung, Zielformulierung und Hilfeplanung führen. Zur frühzeitigen Feststellung des tatsächlichen Bedarfs und der Hilfeplanung sind entsprechende Instrumente bis hin zueinem Assessmentverfahren auf der Basis der ICF bei komplexen, schwierigen Problemlagen notwendig. Die Beratung, Hilfeplanung und Leistungserbringung muss auch bei unterschiedlicher Zuständigkeit "wieaus einer Hand" (Komplexleistungen) gelingen. Eine große Chance wirddabei übereinstimmend in der Erbringung der Leistungen in der Form vonPersönlichen Budgets gesehen.

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Notwendigkeit von Verfahrens- und Fallmanagement
Nach der Erstberatung und der grundsätzlichen Bedarfsfeststellungkönnte fallbezogen ein individueller Verfahrensmanager benannt werden, der den betroffenen Menschen durch den gesamten Rehabilitations- und Teilhabeprozess begleitet. Auf diese Weise wird gesichert, dass die individuellen Aspekte der Krankheit und Behinderung, der Krankheits-und Behinderungsfolgen sowie der Kontextfaktoren einschließlich des Arbeitsplatzumfeldes im weiteren Prozess zur Geltung kommen. Eine kontinuierliche, gemeinsame Überprüfung der Prozessschritte führt zueiner Modifizierung der einzelnen Leistungen und trägt auch zu einer Optimierung sowie zur nachhaltigen Sicherung des Rehabilitationserfolges bei. Diese Verfahrensweise könnte sich amehesten mit einem Fallmanagement, das z. B. bei den Servicestellen fürRehabilitation angesiedelt ist, bewerkstelligen lassen. Dies bedingteine Weiterentwicklung der Servicestellen zu trägerübergreifenden, interdiziplinären Kompetenzzentren mit Steuerungs- und Entscheidungsbefugnissen.

Ausdifferenziertes Angebot an ambulanten und stationären Leistungseinheiten
Schließlich orientiert sich eine bedarfsgerechte Leistungserbringung konsequent an der individuellen Lebenslage und Lebensplanung desbetroffenen Menschen. Das bedingt eine Ausdifferenzierung der Angebote. Vorgehalten werden soll ein modulares, durchlässiges System, in dem jenach individuellem Bedarf ausdifferenzierte ambulante und stationäre Leistungseinheiten bis hin zu vielfältigen Nachsorgeleistungen angeboten werden können. Selbstverständlich setzt ein effektives undeffizientes Leistungssystem entsprechende Qualitätssicherungsverfahrenvoraus. Es müssen überprüfbare Qualitätsstandards definiert und mit Wirksamkeitsuntersuchung und -analysen abgesichert werden. Einewichtige Voraussetzung hierfür ist die Intensivierung der Rehabilitationsforschung.

Qualitätsfaktor: Einbindung der betroffenen Menschen
Ein wesentlicher Qualitätsfaktor wird in der Beteiligung und Einbindungder Betroffenen über den konkreten Einzelfall hinaus in alle Entscheidungen, die behinderte Menschen generell betreffen, und in denkonzeptionellen Umsetzungsplanung gesehen. Ein besonders wichtiger Punkt hierfür ist neben Stärkung der Rechte in den politischen undadministrativen Entscheidungsgremien - hierzu gehören beispielsweise auch Stimmrechte in den Gremien der BAR - auch eine stärkereTeilnehmervertretung in Einrichtungen der Rehabilitation und Behindertenhilfe.

ausführlicher Ergebnisbericht im Frühjahr
Ein ausführlicher Ergebnisbericht über die Zukunftskonferenz wird voraussichtlich bis zum März 2004 veröffentlicht werden.
Ansprechpartner bei der BAR ist Ingo Müller-Baron,
Telefon: 069/60501823
Telefax: 069/60501828,
E-Mail: ingo.mueller-baron@bar-frankfurt.de

Zu den Fotos
Erste Ergebnisse der Tagung in Rheinsberg am 17.-18. November 2003 inklusive Fotos
 

 

Fotos der Tagung