Hilfe - ich brauche ein Hilfsmittel!

Jour fixe in der Villa Donnersmarck am 26.4.2006

„Die Menschen im Publikum sind die besseren Hilfsmittelberater, sie haben meist eine lange Hilfsmittelkarriere hinter sich.“ Peter Lückoff

Hilfsmittel sind so individuell wie ihre Nutzer(innen). Deshalb gab es beim Jour Fixe vom 26.April 2006 viele persönliche Schicksalsschilderungen, unterschiedlichste Expertenmeinungen und differenzierteste Ansichten rund um das Thema.

Am frühen Abend fanden sich rund 40 Besucher(innen) in der Villa Donnersmarck ein. Vor Beginn der Veranstaltung wurde auf der Terrasse vor der Villa ausgiebig gelacht und geplaudert. Ein Sanitätshausmitarbeiter hatte Werkzeug dabei und wartete gleich den einen oder anderen Rollstuhl.

Schnell schlug die zufriedene Stimmung jedoch mit dem Auftakt zum Diskussionsabend um. Erregte und erhitzte Gesichter lauschten gespannt der Moderation, die an diesem Abend von Eileen Moritz geleitet wurde. Neben ihr auf dem Podium saßen Sven Baumgart (Hilfsmittelberater beim DRK Hilfsmittelzentrum), Doris Wendenburg (Heil-& Hilfsmittelbeauftragte der AOK Berlin), Mirko Primus (Hilfsmittelberater Reha Team Vital), Vivienne Neitzke (leitende Physiotherapeutin am Fürst Donnersmarck-Haus) und Peter Lückoff (selbstständiger Hilfsmittelberater). Die acht Stimmen auf dem Podium waren so unterschiedlich, wie die Rollstuhlmodelle der Gäste, was dazu führte, dass die Diskussion schnell entfacht war.

Die ersten Fragen, die Moderatorin Moritz an die jeweiligen Fachkräfte richtete, sollten die Einzelpositionen zu dem brisanten Thema herauskitzeln. Sie stellte beispielsweise der Physiotherapeutin Vivienne Neitzke die Frage, wo in ihrem beruflichen Alltag die größten Schwierigkeiten auftauchen würden. Die Beauftragte für Hilfsmittel im Fürst Donnersmarck-Haus berichtete sehr mitfühlend von Einzelschicksalen, die sowohl auf dem Podium als auch im Publikum Entrüstung hervorbrachten.

Von Fallbeispielen im Pflegebereich schwenkte Eileen Moritz zur Gegenposition, der AOK Mitarbeiterin Doris Wendenburg. Dass Krankenkassen oft nur das billigere Model eines Hilfsmittels genehmigen würden, ohne die Krankheitsgeschichte wirklich zu kennen, warf die Moderatorin Doris Wendenburg vor. Um das Problemthema Wirtschaftlichkeit kam die AOK Mitarbeiterin nicht herum. Sie machte außerdem deutlich, dass man seitens der Krankenkassen von dem Überangebot überfordert sei. Außerdem sagte sie: „Es gibt nicht einmal eine offizielle Definition davon, was ein Hilfsmittel überhaupt ist. Und bei ungefähr 18.000 Produkten fällt es einfach schwer den Überblick zu behalten.“

Themen wie die Fallpauschale, Abhängigkeiten zwischen Sanitätshäusern und den Krankenkassen, Finanzierbarkeit und Rentabilität sorgten außerdem für Diskussionen zwischen den Rednern und dem Publikum. Am Ende der Diskussionsrunde Peter Lückoff fest, „die Menschen im Publikum sind die besseren Hilfsmittelberater, sie haben meist eine lange Hilfsmittelkarriere hinter sich.“ Zustimmendes Raunen ging durch den Saal. Und genau diese Zustimmung, vielleicht war es die einzige an diesem Abend, beendete die Diskussion friedlich.
Der Jour Fixe hinterließ zwar viele traurige Geschichten und erschütternde Schicksalsschilderungen, aber auch Bekanntschaften zwischen Betroffenen und Fachkräften wurden geschlossen, so dass am Ende alle bei einem kleinen Imbiss - ohne Hilfsmittel - den Abend genießen konnten.

Marie Jeschke

 

Das Programm

18.00 Uhr
Begrüßung

Moderation
Dipl. Soz.-Päd. Eileen Moritz
Fürst Donnersmarck-Stiftung

18.10 Uhr
Podiumsdiskussion

Sven Baumgart
DRK Hilfsmittelzentrum

Peter Lückoff
Hilfsmittelberatung für gesetzliche Krankenkassen

Vivienne Neitzke
Leiterin Physiotherapie, Fürst Donnersmarck-Haus

Mirko Primus
Reha Team Vital

Doris Wendenburg
AOK Berlin, Heil- und Hilfsmittel

Im Anschluss: Frage- und Diskussionsrunde
mit dem Publikum

19.30 Uhr
Informeller Austausch beim Imbiss

 
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