Mit den Sehbären im Olympia-Stadion

Fußball für die Ohren

Ein Erfahrungsbericht aus dem Berliner Olympiastadion vom 28. Spieltag am 1.4.2006


Die Sehbären leben wie ihre Namensvetter, die Seebären, in einem Meer, allerdings einem ganz besonderen Meer, einem Meer von blauweißen Schalls und Fahnen und können doch davon nichts sehen. Denn die Sehbären sind die Mitglieder des offiziellen Fanclubs von Hertha BSC für Blinde und Sehbehinderte und besuchen das Olympiastadion, wenn der Berliner Erstligist um Punkte kämpft.

Kurz vor Spielbeginn treffe ich Susanne Klausing, die Vereinsvorsitzende, im Block P des Unterrings. Sie ist leicht zu erkennen. Denn zwei Dinge kennzeichnen die blonde Frau besonders: der weiße Blindenführstock und das blaue T-Shirt mit dem Fanclublogo. Die drei freundlichen Bären im Logo scheinen mich ebenso freundlich zu begrüßen wie die rund 40 blinden und sehbehinderten Fans und deren Begleitungen. „Ohne Begleitung läuft nichts im Stadion“, erklärt die Vorsitzende, „und Blindenführhunde sind aus Sicherheitsgründen verboten.“ Angst müsse niemand haben. Die anderen Fans zeigten viel Rücksicht.

Damit noch mehr Fans zu den Spielen kommen können, organisiert der Verein mit seinen z.Zt. 35 Mitgliedern auch Begleitungen durch Sehende. „Als Besonderheit bieten wir Führungen durch das Olympiastadion an. Dabei lernen vor allem Geburtsblinde das Stadion kennen. Man läuft um das riesige Gelände, besucht die Ehrenloge ebenso wie die Aufwärmhalle. „So kann man die Größe erfassen.“

Seit September 2005 bietet das Olympiastadion in Zusammenarbeit mit Hertha BSC die Audio-Beschreibung für blinde Zuschauer. 12 weitere Vereine in der 1. Bundesliga haben sich auf diese Fangruppe eingestellt. Leverkusen startete diesen Service im Jahre 2001.

Der Sicherheitsmann vom Promi-Bereich hinter uns tippt auf ein 2:1, Susanne Klausing ist sich sicher: „Wir gewinnen 2:0,“ und ergänzt dann etwas vorsichtiger: „Jedes Mal, wenn ich hier war, hat Hertha nicht verloren.“ Sie verpasste in dieser Saison nur zwei Heimspiele. Dann verteilt Axel Meyer, der Freund von Susanne Klausing, die Kopfhörer und tragbaren Funkgeräte.

Die Ostkurve mit den Herthafans beginnt keine 40m von unseren Plätzen, getrennt durch eine Glaswand. Die Gesänge werden lauter, der Spielbeginn naht. Die Hertha-Hymne ertönt. Auch in unserer Reihe unmittelbar vor der VIP-Lounge erheben sich die Fans und singen mit. „Die Atmosphäre ist das beste.“

In der Halbzeitpause komme ich mit meinem Sitznachbarn Manfred Pohsiwan ins Gespräch. Er ist zum ersten Mal bei Hertha, hat seinen Besuch aus Stuttgart mitgebracht und lobt den Sprecher Christopher Buhl: „Der Kommentator hat eine angenehme Stimme, er erläutert sehr gut. Ich habe ein Raumgefühl, wenn er spricht.“ Und natürlich helfe auch die Kulisse der Fans, die einem allein schon durch die Lautstärke anzeige, wo auf dem Feld sich der Ball gerade befinde. Nach 45 Minuten Fußball für die Ohren, einer wirklich guten Hörbeschreibung, die auch dem Gast aus Stuttgart wegen des ruhigen, sachlichen Tons gefiel, kann ich nur zustimmen.

Die Händen von Frau Klausing wären einen eigenen Film wert. Sie sind die ganze Zeit über aktiv. Wenn es spannend wird, wandern sie zum Mund, die Fingerspitzen berühren fast die Lippen. Bei guten Aktionen klatschen die Hände und winken dem Gegner, wenn er ausgewechselt wird. Drohend geht der Ziegefinger hin und her, wenn der Gegner einen Spieler von Hertha foult, anschließend zeigt der gestreckte Finger auf einen imaginären Punkt rechts unten. Bei der Toransage zeigt die eine Hand die Zahl der Herthatreffer, die andere formt aus Daumen und Zeigefinder einen Kreis, begleitet von einem kehligen „Null“.

In der zweiten Halbzeit erzielt Hertha durch Marcelinho zwei Treffer, damit hat die Vereinsvorsitzende ihre Wette gewonnen. Und „Zecke“ Neuendorf wird eingewechselt – er ist der Lieblingsspieler der Fußballnärrin, die früher selbst auf dem Platz stand: „Ich war der kleinste Libero meiner Liga.“ Ein gelungener Spieltag für die geborene Norddeutsche und für Hertha! "Hoffentlich kommen bald noch mehr blinde und sehbehinderte Fans." - Dazu wäre heute die Gelegenheit.

Thomas Golka
Berlin, 15.4.2006
 
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