"Arbeit ist das halbe Leben..."

Jour fixe am 14. November 2007

Podiumsteilnehmer
 
Laut Gesetzgebung soll die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens gesichert und im Alltag praktiziert werden. Dazu gehört auch die Teilhabe am Arbeitsleben. Doch noch immer sind Menschen mit Behinderungen im erhöhten Maße von Arbeitslosigkeit betroffen. Welche Maßnahmen werden also unternommen, die gesetzlichen Vorgaben umzusetzen?

Die Benachteiligung behinderter Menschen beginnt bereits im Bildungssystem. Nach Ansicht des Vorstands der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) ist die schulische Integration ein Schlüssel für die Gleichberechtigung behinderter Menschen in Gesellschaft und Arbeitsleben.

Wer unterstützt Menschen mit ihren unterschiedlichsten Behinderungen und Fähigkeiten an Bildung zu partizipieren und durch Arbeit ein selbstbestimmteres Leben zu führen?

Diese und andere Fragen zu den Themen Bildung und Arbeit wurden mit den Gästen und den Podiumsteilnehmern an diesem Abend diskutiert.
 

Hörbericht zum Jour fixe
-Transkription-


Menschen mit Behinderung sind Menschen ohne Handicap gleichgestellt. Auch im Arbeitsleben. Das sagt der Gesetzgeber. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit ist die Integration von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt sehr problematisch. Was man dagegen unternehmen kann, damit befasste sich der Jour Fixe der Donnersmarck-Stiftung. Es wurden Möglichkeiten der Integration vorgestellt und Probleme in der Umsetzung diskutiert.
Wenn Arbeitgeber einen behindertengerechten Arbeitsplatz schaffen wollen, stehen sie nicht allein da. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales unterstützt tatkräftig, wie Günther Hotte, Mitarbeiter des Integrationamtes erläutert.

O-Ton Günther Hotte:
Zum Beispiel wir ein Büroarbeitsplatz geschaffen, und der Arbeitgeber braucht Tisch, Stuhl, Schrank Computer... und weil der behinderte Mitarbeiter auch noch Außendienst machen muss, hätte ich gern auch noch ein Auto dazu, dann würde sich das Integrationsamt mit 80 Prozent beteiligen. Des weiteren gibt es laufende Leistungen, die immer dann gezahlt werden, wenn die geforderte Leistung nicht ganz erfüllt werden kann aufgrund der Behinderung. Das ist ein gewaltiger Posten, dafür geben wir pro Jahr etwa 7 Millionen Euro aus. Das ist fast die Hälfte des Jahresbudgets. Unter Umständen leisten wir diese finanzielle Unterstützung ein Leben lang.

Ebenso sieht sich die Berliner Verwaltung in der Verantwortung. Sabine Schwarz beschreibt, wie sich die öffentliche Verwaltung trotz des Sparzwanges bemüht, Menschen mit Behinderung einen Arbeitplatz zu geben. Sabine Schwarz ist Hauptbehindertenbeauftragte für die Behörden, Gerichte und nicht rechtsfähigen Anstalten des Landes Berlin.

O-Ton Sabine Schwarz:
Unser Schwerpunkt ist der Erhalt des Arbeitsplatzes unserer schwerbehindert Beschäftigten. Außerdem haben wir uns die Ausbildung schwerbehinderter junger Menschen auf die Fahne geschrieben. Wir bilden in der Berliner Verwaltung circa 42 Berufe aus, zur Zeit etwa 1.700 junge Menschen. Was immer noch zu wenig aber schon etwas mehr geworden ist, ist die Ausbildung von schwerbehinderten jungen Menschen. Momentan bilden wir circa 60 schwerbehinderte junge Menschen aus. Das ist bei der hohen Zahl nicht viel, aber das Hauptproblem ist, dass es wenig Plätze gibt, an denen die schwerbehinderten jungen Menschen nach der Ausbildung auch übernommen werden.

Unverzichtbar bei Ausbildung und Beruf sind die Werkstätten für Behinderte. Sie bieten vielen Menschen eine Perspektive, wenn auch ein großer Teil gern in der freien Wirtschaft tätig wäre. Dabei sind die Werkstätten auch ein Kostenfaktor – dort ist ein Arbeitsplatz bis zu acht Mal so teuer wie in einem Unternehmen. Deshalb sieht Helmut Forner die freie Wirtschaft in der Pflicht. Und Helmut Forner weiß, wovon er spricht, er ist Geschäftsführer der Nordberliner Werkgemeinschaft GmbH.

O-Ton Helmut Forner:
Ich denke wir haben hier noch enormen Nachholbedarf, dass es auch Alternativen außerhalb dieses geschützten Raumes gibt, nämlich in der ganz normalen freien Wirtschaft. Arbeit für Menschen mit Behinderung ist ohne diesen Teil der Gesellschaft für mich nicht lösbar.

Hier müssen alle an einem Strang ziehen, die Unternehmen, die öffentliche Verwaltung, aber auch die Bundesagentur für Arbeit, fordert Monika Meergarten, Regionaldirektorin der BA Berlin Brandenburg und Programmberaterin für Arbeitnehmerintegration.

O-Ton Monika Meergarten:
Zum Beispiel geben wir nur bei uns in der Region zwischen 230 und 250 Millionen Euro im Jahr aus, um behinderte Menschen in Arbeit zu bringen und auch dort zu halten. Diese Summe ist sowohl für die Erwachsenen wie für die Jugendlichen gedacht. 80 Prozent von diesen Mitteln fließen in die Ersteingliederung. Es sind schon beträchtliche Summen, die wir hier aufwenden.

Geld ist wichtig, doch das allein reicht nicht. Oft klafft zwischen Theorie und Praxis eine gewaltige Lücke. Michael Zander vom Birke-Equal-Projekt an der Regine-Hildebrandt-Schule fordert, dass Menschen ohne Behinderung sensibler werden gegenüber ihren Mitmenschen mit Handicap.

O-Ton Michael Zander:
Es ist für viele immer noch nicht ganz klar, was ein sogenannter leidensgerechter Arbeitsplatz ist. Die allgemeine Vorstellung davon, was Menschen mit Behinderung machen können, bedarf einer Erweiterung. Ich möchte das mit einem Beispiel illustrieren: mir hat eine Sozialarbeiterin eines Berufsbildungswerks einmal gesagt, sie könne sich nicht vorstellen, dass jemand mit Glasknochen im Büro arbeitet. Warum? Die Person müsse doch schwere Aktenordner aus dem Regal nehmen, da bestehe doch Verletzungsgefahr...

In diesem Fall wären dann die Kollegen gefordert, sich um die Ordner zu kümmern. Das Thema Sensibilität und Umgang mit Behinderungen durch Arbeitgeber wurde anschließend noch im Plenum der Veranstaltung diskutiert. Eine Teilnehmerin erzählte von ihren Erfahrungen.

O-Ton Publikum:
Ich behaupte, dass der größte Teil aller Pflegedienste keine behinderten Menschen beschäftigt. Wenn ich so ein Unternehmen sehe, dann klopfe ich da und unter dem Vorwand, meine Mutter pflegen lassen zu wollen, sehe ich mich dort um. Dann sage ich denjenigen, die meine Mutter sehr gern pflegen würden, sie könnten doch auch hier im Büro Rollstuhlfahrer beschäftigen. Ich möchte hier nicht zum besten geben, welche üblen Ausreden ich dann zu hören bekomme.

Wer eine behindertengerechten Arbeitsplatz schaffen will, der kann auf Unterstützung vertrauen. Es ist nur eine Frage des Wollens. Und hier muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, so ein Fazit beim Jour Fixe in der Villa Donnersmarck.

Autorin und Moderation: Andrea Protscher
 
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