Budget-Tour eröffnet

Selbstbestimmt leben - Persönliches Budget

Karin Ewers-Meyer, Martin Marquard, Dr. Wansing auf dem Podium sitzend
 
Die Bundesbehindertenbeauftragte Karin Evers-Meyer und Berlins Landesbehindertenbeauftragter Martin Marquard eröffneten vor rund 150 Veranstaltungsteilnehmern die Budget-Tour 2007 am 3.9.2007 im Fürst Donnersmarck-Haus. Frau Dr. Gudrun Wansing, Reha-Wissenschaftlerin von der Universität Dortmund, erläuterte in einem Vortrag in leichter Sprache die Möglichkeiten und Bedingungen, die Leistungen und Erfahrungen aus der Modellphase rund um das Persönliche Budget. Sie betonte die positive Aufnahme der Leistungsform bei den Nutzern. Über 80 Prozent der Budgetnehmer würden das Persönliche Budget erneut wählen.

Ina Richter und Heiko Hein berichteten über die konkreten Erfahrungen seit 2005 mit dieser modernen Leistungsform. Klaus Lang vom Berliner Assistenz Verein wies viele Wege zum Persönlichen Budget, die er in den drei Jahren Budgetberatung gemeinsam mit Budgetnehmern beschritten hat. Zahlreiche Fragen aus dem Publikum konnten beantwortet werden, einige blieben sicher noch offen.

Transkription des Audio-Beitrags:
„Persönliches Budget - Start der Budget-Tour“

Am Montag, den 3. September startete die bundesweite Budget-Tour der Behinderten-Beauftragten der Bundesregierung im Fürst-Donnersmarck-Haus in Berlin. Mit dieser Informations-Kampagne will Karin Evers-Meyer die neuen Möglichkeiten des Persönlichen Budgets vorstellen. Ab dem kommenden Januar haben alle Menschen mit Behinderung einen Rechtsanspruch auf ihr Persönliches Budget. Niemand wird dazu gezwungen, der entsprechende Antrag ist freiwillig, so Karin Evers-Meyer:

Das Persönliche Budget bringt viele neue Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung in Deutschland. Behinderte Menschen können mit dem Persönlichen Budget künftig selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Jeder Mensch weiß doch selbst am besten, was er möchte.

Das Persönliche Budget ist allerdings keine zusätzliche Leistung. Es ersetzt bisherige Sachleistungen für behinderte Menschen durch Geldleistungen. Mit diesem Budget kann ein Betroffener nach seinen persönlichen Wünschen Leistungsanbieter für seine Unterstützung auswählen und bezahlen.
Ein Beispiel: Ina Richter kümmert sich um ihren Lebensgefährten Heiko Hein, der nach mehreren Schlaganfällen nicht mehr sprechen kann und weitere Behinderungen hat. Zu erst lebte er in einem Heim mit Rundum-Betreuung. Doch dort konnten sich die Betreuer zu wenig um dessen individuelle Bedürfnisse kümmern. Ina Richter organisierte für ihn sein Persönliches Budget:

Wir haben jetzt ein Persönliches Budget, womit Heiko wieder in seinen eigenen vier Wänden wohnt. Natürlich mit der Betreuung, die er braucht. So dass wir 12 Stunden täglich – von Montag bis Sonntag – Assistenten haben, die wir uns selber gesucht haben. Es betrifft das eigene Leben in allen Belangen. Und bei manchen Sachen will man nicht irgend jemanden dabei haben, der an einem herum werkelt. Darauf will ich einen Einfluss haben. Der große Vorteil des Persönliches Budgets ist, dass man sich seine Assistenten selber suchen kann, so wie sie zu einem und zu dem eigenen Leben passen.

Zurzeit kümmern sich abwechselnd fünf Assistenten um Heiko Hein, die sogar mit ihm längere Radtouren unternehmen und ihn in den Urlaub begleiten. Und es gibt viele weitere Möglichkeiten: so kann das Persönliche Budget eingesetzt werden, um Hilfen zu bezahlen, die die Betroffenen auch abends zum Beispiel ins Kino und wieder nach Hause bringen. Oder auch um Kurse zur beruflichen Fortbildung zu bezahlen. Es bestehen viele Chancen, wie Martin Marquard, der Behinderten-Beauftragte des Landes Berlin, meint.

Das Geld bar in die Hand der Betroffenen – das ist eine Jahrzehnte alte Forderung der Behindertenbewegung. Mit dem Ziel, ein freieres, unabhängigeres und eigenverantwortliches Leben zu führen.

Der Antrag auf das Persönliche Budget muss bei einem Kostenträger gestellt werden. Das kann das Sozialamt, die Krankenkasse, die Arbeitsagentur oder auch ein anderer Träger sein – je nach gewünschter Leistung. Man merkt es schon, so ganz einfach ist der Umgang mit dem Persönlichen Budget nicht. Bisher gab es in Deutschland mehrere Modellprojekte. Dabei wurden auch Probleme deutlich. Klaus Lang vom Berliner Assistenz Verein berät in dieser Sache seit drei Jahren und betont den großen Aufwand, den die Selbst-Organisation macht.

Meine Erfahrung ist, dass es eine ziemlich komplizierte Angelegenheit ist. Zumindest wenn das Budget nicht gerade niedrig ist, sondern wenn es ein höheres Budget ist. Wenn jemand mehrere Assistenten benötigt und einen hohen Hilfebedarf von bis zu 24 Stunden hat. Da ist es gar nicht so einfach, das zu organisieren oder auch schon zu beantragen.

Klaus Lang rät, den Aufwand nicht zu unterschätzen. Schließlich trete ein Budgetnehmer als Arbeitgeber auf. Er muss sich zum Beispiel auch um die Buchhaltung seiner Ausgaben kümmern. Nicht jeder komme damit klar. Weitere Probleme seien die sehr unterschiedliche Bewilligung von Budget-Anträgen je nach Wohnort und zuständigen Amt. Häufig komme es auch zu Schwierigkeiten, wenn mehrere Kostenträger beteiligt seien. Eine ausführliche Beratung ist also notwendig, das betont auch Karin Evers-Meyer. Die Behinderten-Beauftragte des Bundes macht trotzdem Mut den Schritt zum Persönlichen Budget zu gehen.

Die Kostenträger, also diejenigen, die bezahlen sollen, werden nicht immer sagen: klar, kriegen sie alles. Deswegen ist es ganz wichtig, dass man sich sehr gut beraten lässt und dass man jemanden mitnimmt. Das muss man sich also erkämpfen.

Weitere Informationen zum Persönlichen Budget gibt es im Internet unter www.budget-tour.de.

Datum: 03.09.2007

Autor : Klaus Fechner - www.audiolink-online.de
 
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