20 Jahre Einsatz für den Bereich Neurorehabilitation

Eine Frau und ein Mann stehen vor einer Präsentationstafel. Auf die Tafel ist ein Schiff gemalt, das mit Babyboomer überschrieben ist

Prof. Dr. Stephan Bamborschke und Kirsten Bielefeld bei der Stiftungstagung 2018.

 
 

Langfassung des Interviews mit Kirsten Bielefeld und Prof. Stephan Bamborschke

Liebe Frau Bielefeld, lieber Herr Prof. Bamborschke: Können Sie uns kurz skizzieren, wie Sie zur Fürst Donnersmarck-Stiftung kamen?

Prof. Bamborschke: Wenn man so will, bin ich meinen Patienten gefolgt. Nach meinem Studium begann ich meine wissenschaftliche Laufbahn mit einer Promotion in der Neuropathologie in Freiburg. Ich beschäftigte mich damit, welche    DNA – Veränderungen  die Entstehung von Hirntumoren auslösen und habe auch viel über die Neuroanatomie und deren Veränderung bei neurologischen Krankheiten gelernt. .  Von dort bin ich über die Max-Planck-Gesellschaft zur Universitätsklinik in Köln gegangen. Dort hatte ich mich mit neurologischen und psychiatrischen Krankheitsbildern beschäftigt, den Facharzt gemacht und mich schließlich habilitiert. In Köln betrieb ich viel Laborforschung etwa im Bereich der Neuroinfektiologie, der Neuroimmunologie  und im Zusammenhang damit auch  mit chronischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Neuroborreliose. 

Darüber hinaus arbeitete ich in Köln auch auf der Intensivstation und betreute die Stroke Unit mit, was ja auch eine Art der Frührehabilitation ist. Der nächste Schritt war für mich die Übernahme der Leitung der Poliklinik in Köln, wo ich mit der Nachversorgung und Nachbeobachtung chronisch Kranker in Kontakt kam. Ich begleitete diese Patienten über einen langen Zeitraum und konnte auf diese Weise lernen, welche Art der Unterstützung sie brauchen, wenn sie wieder zu Hause leben. Dabei wurde mir sehr deutlich, was es für einen Unterschied macht, ob ich jemanden  wenige Tage in der Klinik sehe und dann wieder entlassen muss  oder ob ich ihn über einen längeren Zeitraum begleiten kann.

Ich bin dann mit meiner Familie zurück in meine Heimat Berlin gegangen  und wurde Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Brandenburgklinik, um hier die neurologische Rehabilitation voranzutreiben. In den sieben Jahren in der Brandenburgklinik wurde mir jedoch deutlich, dass ich auch hier meine Patienten nur ein kleines Stück auf ihrem Weg begleiten kann, viele aber noch intensivere Rehabilitation benötigen. Dies wurde aber von den Krankenkassen nicht mehr bezahlt und die Patienten notgedrungen in Pflegeheime entlassen. Dabei hatte ich einfach kein gutes Gefühl.

Und dann kam die Ausschreibung der Fürst Donnersmarck-Stiftung im Ärzteblatt. Ich kannte das Fürst Donnersmarck-Haus schon länger und war auch mit Dr. Lutz Schneider, meinem Vorgänger, bekannt. Ich habe mich deswegen intensiver mit der Stelle und dem Haus beschäftigt und mich schließlich auf die Stelle des Leitenden Arztes im P.A.N. Zentrum beworben.

Kirsten Bielefeld: Ich habe 1996 damit begonnen in Nordrhein-Westfalen damit begonnen, ambulante Einrichtungen der Bodelschwinghschen Stiftungen aufzubauen. Damals entstand in der Stiftung die Idee, ihr Angebot zu regionalisieren. Die Leute kamen nicht mehr aus ganz Deutschland nach Bethel, also ging Bethel vor Ort, in die Region. Ich begann damals in Dortmund, eine neue ambulante Einrichtung aufzubauen. Und setzte danach mein Engagement fort.

2004 entschied ich mich, nach Berlin zu gehen. Ich hatte dort zunächst eine sehr interessante Aufgabe bei einem anderen Träger, die aber im Jahr 2008 im Grunde erfüllt war, sodass ich wieder offen für neue Herausforderungen war.

Über die Stelle als Leiterin des Ambulant Betreuten Wohnens der Fürst Donnersmarck-Stiftung wurde mir dann berichtet. Ich war damals in einem kleinen Diakoninnen- und Diakonenkreis, in dem wir uns über unsere Arbeit austauschten. Dort erzählte mir eine Diakonin von der Ausschreibung der Stiftung. Die Fürst Donnersmarck-Stiftung war mir vor allem durch die Rheinsberger Tagungen bereits ein Begriff. Zuerst dachte ich, dass dies keine geeignete Stelle für mich ist, aber ich wurde – Gott sei Dank – von dieser Kollegin überredet, mich zu bewerben.

In dem Vorstellungsgespräch mit Frau Stommel und Herrn Schrödter merkte ich dann sofort, wie interessant die Stelle wirklich ist. Das Besondere an dieser Aufgabe war die Umstrukturierung eines Arbeitsfeldes der Behindertenhilfe, wie es früher üblich war, zu einem Arbeitsfeld, wie es in Zukunft voraussichtlich üblich sein wird. Ich hatte schon eine klare Vorstellung davon, in welche Richtung – Regionalisierung und Sozialraumorientierung – es gehen muss. Es war schön zu sehen, dass Frau Stommel und Herrn Schrödter ganz ähnliche Vorstellungen hatten. Ohnehin war es für mich eine neue Erfahrung, sich mit einer Geschäftsführung zu unterhalten, die von Anfang an bereit war, in Perspektivthemen wie Qualitätssicherung, Strukturen und Prozesse zu investieren. Das fand ich spannend, da wollte ich gerne mitmachen. 

Was war denn zu Beginn Ihrer Tätigkeit die größte Herausforderung für Sie?

Prof. Bamborschke: Ich kannte ja schon die neurologische Rehabilitation, die Neurologie und auch Forschung auf diesem Gebiet. Was ich bisher nicht kannte, war die Eingliederungshilfe. Mich also in dieses Denken einzuarbeiten, war für mich neu und eine ganz andere Facette. 

Und natürlich dauert es immer eine Zeit, bis man sich an die Strukturen in der Stiftung gewöhnt. Die Fürst Donnersmarck-Stiftung hat eine ganz besondere Eigendynamik, hat eigene Kommunikationsformen und eine eigene Organisationskultur, in die man sich erstmal einfühlen muss.

Damals hatten mir die Steuerungsgruppe um unseren Berater Herrn Jost sowie der Kontakt zu Guido Graf Henckel von Donnersmarck und Prof. Schönle, die ja auch beides   Ärzte  sind, sehr geholfen. 

Kirsten Bielefeld: Die größte Herausforderung für mich war, unsere Ideen zur Versorgung der Klientinnen und Klienten ambulant abzubilden. Es standen ja schon einige Dinge fest: Die Gebäude standen fest, die Verhandlungen mit dem Bezirk Pankow waren bereits gelaufen, die Zielrichtung stand fest. Aber dennoch ist es eine Herausforderung, stationäre Bedarfe ambulant abzudecken. 

Denn in stationären Bereichen hat man für alles Spezialisten: Es gibt Techniker, Verwaltungskräfte für die Leistungsabrechnung, Pädagogen, Therapeuten und, wenn nötig, Ärzte. Im Ambulant Betreuten Wohnen ist der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin vor Ort die Fachfrau oder der Fachmann für alles. Das umzusetzen ist schon eine Herausforderung. 

Was war denn Ihre wichtigste Aufgabe nach dem Stellenantritt?

Prof. Bamborschke: Das kann man gar nicht mit einem Wort sagen. Die wichtigste Aufgabe ist immer zunächst, das operative Geschäft am Laufen zu halten und hier optimale Arbeit zu machen. Gleichzeitig gab es ja die Idee von dem P.A.N. Zentrum, also ein neues, großes, zukunftsweisendes Rehabilitationszentrum zu bauen. Das war natürlich eine riesige Herausforderung, die immer parallel zum operativen Geschäft lief. Das war schon eine große Aufgabe, die aber auch viel Spaß gemacht hat.

Als ich ankam, war die Ideen von der Lebensweltenrehabilitation schon geboren. Auch einzelne Konzepte wie etwa für die heutige neurokogntivie Gruppe auf dem Wohnverbund 2 existierten schon.,   Das Gesamtkonzept Konzept war schon mit starken  groben Pinselstrichen skizziert, der Rahmen stand fest. Aber die Feinarbeit, das Einbringen von rehablitationsmedizinischen Inhalten und überhaupt  das Ausmalen der bisherigen Skizze: Da konnte ich mich persönlich intensiv einbringen und das konnte ich wesentlich mitgestalten – natürlich immer in Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. Es war nie eine Arbeit, die ich alleine gemacht habe, sondern die sich immer aus der Zusammenarbeit hier im Haus ergab.

Kirsten Bielefeld: Die wichtigste Aufgabe war aus meiner Sicht die Umsetzung der Organisationsentwicklung. Ich nahm am 1. September 2008 meine Arbeit auf, schon am 12. Oktober hatten wir ein erstes Auswertungsgespräch über meine Erfahrungen und meinen Vorstellungen darüber, welche Schritte in Richtung Organisationsentwicklung wir aus meiner Sicht nun gehen mussten. Im Januar organisierten wir dann eine Auftaktveranstaltung zur Organisationsentwicklung. Viele Inhalte waren ja klar: 2009 stand die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention an, die berechtigten Forderungen der Selbsthilfebewegung nach mehr Selbstbestimmung kannte ich aus meiner Dortmunder Zeit. Die Tendenzen in Richtung Sozialraum und Regionalisierung waren deutlich zu erkennen.

Um einen Überblick über den Bereich und ein Gefühl für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bekommen, habe ich außerdem ganz schnell Hospitationstermine in den Wohngemeinschaften und dem Betreuten Einzelwohnen vereinbart. Das war für mich sehr interessant, weil ich auf diese Weise den „Geist“ des Ambulant Betreuten Wohnens besser verstehen konnte. Hier hat mir auch Frau Combüchen sehr geholfen, die zu diesem Zeitpunkt kommissarische Leiterin des ABW gewesen ist.

Und dann war dann ja noch das Projekt Wohnen mit Intensivbetreuung. Anfang Oktober besichtigten wir den Seelbuschring – eine riesige, leere Halle. Ich hatte anfangs noch die Idee gehabt, zunächst die Organisationsentwicklung vorantreiben zu können und mich dann mit dem WmI zu beschäftigen. Aber das Projekt Wohnen mit Intensivbetreuung nahm dann ganz schnell unheimliche Dynamik auf, sodass wir mit beiden Großprojekten gleichzeitig starteten.

Das Wohnen mit Intensivbetreuung ist ein gutes Stichwort. Denn der erste große Meilenstein in den letzten zehn Jahren, bei dem Sie auch intensiv zusammengearbeitet haben, war die Eröffnung eben dieses Wohnens mit Intensivbetreuung. Wie haben Sie diese erlebt?

Kirsten Bielefeld: Gerade die Anfangsphase des WmI war unheimlich intensiv und anstrengend. Denn wir mussten permanent überlegen, wie sich ambulantes Leben für Menschen abbilden lässt, die nach landläufigem Verständnis einen stationären Bedarf haben. Das fängt bei der Essensversorgung, geht über die Wäsche und hört bei den Bemühungen um die Absenkung des Bordsteins direkt vor dem WmI nicht auf. Wir haben zum Beispiel das Catering ausgeschrieben und mit den Firmen darüber verhandelt, was sie uns anbieten können – und mussten daraufhin unsere Küchen anpassen. Oder denken Sie an das Thema Wäsche: Die Grundsicherung, von der unsere Klientinnen und Klienten in der Regel leben, sieht nicht vor, dass man nicht in der Lage ist, seine Wäsche selbst zu waschen, sondern diese Leistung von jemand anderem erledigen lassen muss. Da müssen ganz viele Fragen geklärt werden: Können wir die Reinigung etwa von Flachwäsche wie Bettlaken oder Handtüchern zentral vergeben? Wer muss das dann bezahlen? Ist das überhaupt unsere Aufgabe, wenn unser Angebot ambulant ist? Diese und ähnliche Fragen zu klären, waren ganz zentrale Aufgaben, für die wir keine Blaupause hatten. Wir mussten das alles selbst entwickeln. Da war also im Vorfeld also sehr viel Arbeit zu tun, die auch nach dem Einzug nicht so schnell nachließ.

Denn, wie bereits gesagt, fingen wir das Projekt  ja mit dem Seelbuschring an. Aufgrund der besonderen Vorgeschichte des Gebäudes gab es eine ganze Reihe baulicher Probleme, die gerade zu Beginn starke Auswirkungen auf die Betreuungsarbeit hatten. Das war eine „echte Nummer“ zu diesem Zeitpunkt, weil sich die Mitarbeitenden ja selbst erstmal organisieren mussten. Hinzu kamen die Abstimmungsprozesse zwischen dem Ambulant Betreuten Wohnen und dem Ambulanten Dienst, der für die Pflege zuständig ist. Wem es aber von Beginn an richtig gut bei uns ging, waren die Klientinnen und Klienten.

Das hat nur deswegen so geklappt, weil alle Beteiligten weitaus mehr als das Normale geleistet haben. Es gab eine Phase kurz vor der Eröffnung, da hat Frau Fischer, die damalige Verantwortliche, glaube ich, zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche gearbeitet, um das alles hinzubekommen. Ich bin bis heute allen Beteiligten sehr dankbar, die an diesem Projekt mitgewirkt haben.

Prof. Bamborschke: Ich habe das Projekt Wohnen mit Intensivbetreuung natürlich etwas anders erlebt. Das Fürst Donnersmarck-Haus bestand ja traditionell aus einem Reha-Bereich und einem Bereich für das Dauerwohnen – meine Aufgabe bestand und besteht vor allem darin, den Bereich der Rehabilitation weiterzuentwickeln. Natürlich achte ich auch darauf, dass der Bereich des Dauerwohnens aus medizinischer Sicht gut läuft. Schwerpunkt meiner Tätigkeit ist allerdings das P.A.N. Zentrum. 

Für den Dauerwohnbereich überlegten wir nun, ob es nicht andere Wohnformen geben könnte, die den Menschen, die dort lebten, mehr persönlichen Freiraum und auch noch die Möglichkeit zur Weiterentwicklung eröffnen würden: Das war schließlich das Wohnen mit Intensivbetreuung (WmI). Für mich bedeutete die Eröffnung des WmI vor allem, dass eben diese Bewohnerinnen und Bewohner des Fürst Donnersmarck-Hauses auszogen. Da ging es um die Entscheidung, wem wir diesen Sprung in eine ambulante Wohnform zutrauen. Das war durchaus eine spannende Zeit und bedeutete ja auch einige Verantwortung.

Es war aber in jedem Fall eine spannende und auch außergewöhnliche Aufgabe. Denn beim WmI handelte es sich ja auch um ein Konzept, das es zuvor nicht gegeben hatte. Dies dann aber wirklich auch umzusetzen, war die Aufgabe von Frau Bielefeld und ihrem Team.

Kirsten Bielefeld: Für mich war ganz klar, dass die Fragen zu den Klientinnen und Klienten von Herrn Bamborschke und Frau Combüchen beantwortet werden müssen und ich nur meine ambulante Expertise einbringen konnte. Ich kannte diese Menschen nicht und konnte deswegen nicht entscheiden, wer in das WmI kann und wer nicht.

Würden Sie im Nachhinein sagen, das WmI ist ein erfolgreiches Projekt?

Kirsten Bielefeld: Zwischendurch, da will ich ganz offen sein, dachte ich, dass es für mich nur einen Grund gibt, das Projekt Wohnen mit Intensivbetreuung weiterzuführen: Weil es nämlich den Klientinnen und Klienten damit so gut ging. Das lohnte sich einfach, es weiter auszuprobieren. Aber die Herausforderungen waren schon enorm.

Durch das Projekt, das sollte allen Beteiligten klar sein, hat sich der Abstimmungsbedarf und Koordinationsaufwand zwischen allen Beteiligten potenziert. Es gibt viele Routinen, aber vieles ist auch deutlich aufwendiger als in anderen ambulanten Strukturen. Hinzu kommt, dass es bis heute immer wieder eine Herausforderung ist, die Kostenübernahmen für die Klienten zu bekommen. Denn wir fallen aus sämtlichen Strukturen heraus. Für die ambulanten Strukturen sind wir zu teuer, für die stationären Strukturen zu günstig. Wir passen nicht in die Standards und produzieren deswegen tendenziell regelmäßig Streitfälle.

Das sind die Schwierigkeiten. Auf der anderen Seite muss ich sagen: Unsere Struktur ist aufwendig, aber funktioniert; die Hausgemeinschaftsvereinbarung, die die Klienten miteinander abgeschlossen haben, ist gut; unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sehr gut. Das Angebot, das wir haben, ist für unsere Klientinnen und Klienten ein absoluter Gewinn. Ein Klient, der von Anfang an dabei war, sagt immer, etwas Bessere ist für ihn nicht zu finden. Das gibt dem Projekt wiederum absolut Recht.

Prof. Bamborschke: Aus meiner Sicht ist das WmI auf jeden Fall ein Erfolgsmodell. Wir haben ja gesehen, dass sich einige Bewohner im WmI nochmals weiterentwickelt haben und zum Teil sogar in eine eigene Wohnung ausziehen konnten. Andere übernahmen plötzlich Verantwortungen für Dinge, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Die Ergebnisse der Begleitforschung unter Frau Prof. Wolf-Ostermann haben den positiven Eindruck ja ebenfalls bestätigt.

2015 eröffnete schließlich das P.A.N. Zentrum für Post-Akute Neurorehabilitation nach einer fünfjährigen Modernisierungsphase bei laufendem Betrieb...

Prof. Bamborschke: Als ich im November 2015 den Schlüssel in der Hand hielt, war das ein toller Augenblick. Davor, das muss man wirklich sagen, hatten wir aber einen riesigen Aufwand betrieben. Die Modernisierung gab es uns die Möglichkeit, alle unterschiedlichen
Aspekte der neurologischen Langzeitrehabilitation durchzudeklinieren: Alle Ideen über evidenzbasierte Therapie, über Wohnen, über die Architektur, über die räumlichen und organisatorischen Strukturen in einem Rehabilitationszentrum – wir haben wirklich jedes Detail angefasst.

Gleichzeitig ging es immer auch darum, Einzelkonzepte miteinander zu harmonisieren und miteinander in Verbindung zu setzen. Ein Neuropsychologe denkt vielleicht anders als ein Physiotherapeut, eine Hauswirtschaftlerin, ein Pädagoge oder eine Ergotherapeutin. Die ganzen Ideen miteinander zu verzahnen, in sein sinnvolles Ganzes zusammenzubringen und dies alles dann noch in einem einzelnen Gebäude abzubilden, ist eine ungeheuer komplexe Aufgabe. 

Hinzu kam natürlich, dass wir beim laufenden Betrieb umbauten – auch wenn dies aus meiner Sicht die richtige Entscheidung war. Es gab eine Zeit lang die Idee, dass das komplette Haus für den Umbau auszieht und in die alten Gebäude des Klinikums Buch provisorisch einzieht. Das wäre aus meiner Sicht sehr schlecht gewesen, denn wir hätten den Bezug zum Bezirk, zu unserem Sozialraum verloren. Deswegen haben wir uns für die anstrengende Variante entschieden, beim laufenden Betrieb zu modernisieren. Das war eine unglaubliche logistische Herausforderung und sehr belastend für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Rehabilitanden.

Kirsten Bielefeld: Was mich anfangs etwas überrascht hat, war die Geschwindigkeit, mit der die Modernisierung des Fürst Donnersmarck-Hauses vorangetrieben wurde. Als wir im April 2010 die ersten Klienten ins WmI umzogen, rollten – im übertragenen Sinne – sofort die Bagger an. Ich war damals ganz froh, dass dies nicht mehr meine, sondern Ihre Aufgabe war. Alle Achtung, da haben alle Kolleginnen und Kollegen im P.A.N. Zentrum eine Menge geschmissen.

Wie würden Sie denn sagen, ist das P.A.N. Zentrum heute aufgestellt?

Prof. Bamborschke: Wir sind in einem Fließgleichgewicht, einem Steady state wie man in der Medizin sagt. Das heißt, alles ist in Bewegung wirkt dabei aber statisch. Das ist, finde ich, ein sehr schönes Bild. Wir können heute sagen: Das Haus – seine Architektur, sein Konzept – funktioniert, unsere Mitarbeiter sind alle sehr gut und wir unterstützen die Rehabilitanden, die zu uns kommen, wirklich auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben. 

Jetzt kommt es eben darauf an, die Kleinigkeiten zu justieren, immer wieder an allen Schräubchen zu drehen, um unsere Arbeit zu optimieren. Dabei kommen dann natürlich immer wieder neue Ideen auf, die man weiterverfolgen kann. Wir sind darüber hinaus ja auch ständig neuen Einflüssen ausgesetzt: Aus der Forschung, aus der Sozialgesetzgebung oder den gesellschaftlichen Entwicklungen. Wir sind also immer in Bewegung. Und jetzt gehen wir ja auch die neuen Aufgaben der Begleitforschung an, mit der wir das Haus nun auf die nächste Stufe heben wollen. Daraus werden auch wieder neue Möglichkeiten erwachsen.

Kirsten Bielefeld: Ich bin ein Fan des P.A.N. Zentrums. Denn wir erleben im ABW, dass die Klientinnen und Klienten, die dort entlassen werden, ganz andere Fähigkeiten mitbringen als das früher der Fall war. Herr Bamborschke und die Kolleginnen und Kollegen in Frohnau haben ein Konzept, das den Menschen wirklich und spürbar hilft. Das finde ich beeindruckend, faszinierend und es freut mich einfach auch, dass dies so gelingt.

Schauen wir nochmal kurz nach vorne: Welche Aufgaben stehen aus Ihrer Sicht für die nächsten zehn Jahre an?

Prof. Bamborschke: Wir müssen uns auf Rehabilitanden einstellen, deren Level der Teilhabe noch weitaus niedriger und deren medizinischer Unterstützungsbedarf deutlich höher ist als bisher. Gleichzeitig – und darauf freue ich mich sehr – möchten wir unsere Begleitforschung weiterentwickeln. Durch die Betriebsleitung bin ich inzwischen derart entlastet, dass ich mich verstärkt diesem Bereich widmen kann. Meine Hoffnung ist, dass wir hier die evidenzbasierte Therapie derart weiterentwickeln können, dass wir vielleicht ein paar Spuren in der Forschungslandschaft hinterlassen.

Kirsten Bielefeld: Ich sehe vor allem drei Punkte: Erstens das Bundesteilhabegesetz, dessen Auswirkungen wir derzeit noch gar nicht wirklich vorhersagen können. Zweitens das Thema Digitalisierung, das auch im Bereich der Behindertenhilfe wichtige Auswirkungen haben wird. Und drittens wird uns der Fachkräftemangel nachhaltig beschäftigen. Denn was nützen uns alle guten Konzepte, wenn wir niemanden mehr haben, der sie umsetzt?

 
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