Bürgerschaftliches Engagement

Rede von Fürst von Donnersmarck am 3. Juli 2006

Sehr geehrter Herr Präsident Dr. Schweitzer,
sehr geehrter Herr Präsident Schwarz,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst danke ich Ihnen für die Gelegenheit, Ihnen anlässlich der heutigen Preisverleihung in den nächsten 20 Minuten "Die Fürst Donnersmarck-Stiftung zu Berlin als Beispiel bürgerschaftlichen Engagements" vorstellen zu dürfen.

Zuallererst darf ich - schon mal vorweg - den - noch anonymen - Preisträgern gratulieren zu ihrem Preis und zu dem bürgerschaftlichen Engagement, das sie an den Tag gelegt haben und für das sie den heutigen Preis erhalten, - ein Engagement, dessen Thematik auch Ausgangspunkt und Bindeglied zu Thema und Inhalt meines Referates ist.

Die Fürst Donnersmarck-Stiftung, deren ehrenamtlicher Kuratoriumsvorsitzender ich qua Satzung bin, ist eine private, gemeinnützige Stiftung. Sie hat ihren Sitz in Berlin. Stiftungszweck ist die Rehabilitation körperbehinderter Menschen.

Ihren Stiftungszweck verfolgt die Stiftung in eigenen und von ihr betriebenen Einrichtungen. So unterhält sie in Berlin-Frohnau ein Rehabilitationszentrum für körperbehinderte Menschen mit 124 Plätzen und ein Wohnheim mit 13 Plätzen, in Berlin-Zehlendorf in der Schädestraße eine Tagungs- und Tagesstätte für Körperbehinderte sowie ein sozialtherapeutisches Zentrum für Körperbehinderte und nicht-körperbehinderte Menschen, denen in Berlin-Wilmersdorf, Blissestraße 14, auch ein voll behindertengerechtes Café offen steht, wo es außerdem ein Reisebüro für Körperbehinderte gibt. In verschiedenen Stadtteilen Berlins unterhält die Stiftung zehn betreute Wohngruppen mit 46 Plätzen sowie drei behindertengerechte Wohnanlagen für Einzelwohnungen. Im Rahmen des betreuten Einzelwohnens werden über 70 Menschen unterstützt. Der ambulante Pflegedienst der Stiftung versorgt ca. 60 Menschen.

In der Lüneburger Heide, in Bad Bevensen, betreibt die Stiftung ein Gästehaus für körperbehinderte Erholungssuchende mit 107 Betten und in Rheinsberg hat sie ein voll behindertengerechtes Hotel gebaut, das in schönster Umgebung in ansprechender, moderner Architektur und mit dem Komfort eines 4-Sterne-Hotels Unterbringung für bis zu 180 körperbehinderten Gästen bietet. Angegliedert sind ein öffentliches Café am See, ein physiotherapeutisches Zentrum und eine Arztpraxis.

Die Nutzung der Einrichtungen erfolgt entgeltlich, teils bringt der behinderte Betreute die Mittel selbst auf, teils die öffentliche Hand und zwar vor allem in Form von Pflegegeldern, so insbesondere in dem Rehabilitationszentrum Frohnau.

Keine der Einrichtungen macht Gewinn, der auch nicht geplant ist, da zeitgemäß moderne Betreuung mit möglichst über dem allgemeinen Durchschnitt liegenden Standard zu für den Behinderten günstigen Kosten Vorrang vor Gewinnerzielung hat.

Die dadurch notwendigen jährlichen Zuschüsse der Stiftung an ihre Einrichtungen belaufen sich auf etwa 2'5 bis 3'0 Mio Euro, Beträge, die man wirtschaftlich gesehen als jährliche Spenden für das Behindertenwesen verstehen kann.

Die finanziellen Mittel der Stiftung rühren aus den Erträgen der Eigenmittel, die insgesamt mit ca. 126' Mio Euro in der Bilanz stehen und in Wirklichkeit eher höher sind, da stille Reserven vorhanden sind. Soweit die Eigenmittel nicht in den genannten Einrichtungen investiert, sondern Rendite tragend angelegt sind, handelt es sich bei den Aktiva neben kleineren Bar- und Wertpapierpositionen vor allem um 2.750 Wohnungen in 68 Wohnimmobilien, die überwiegend in Berlin liegen.

Erträge, die nicht zur Deckung der genannten Zuschüsse und der Verwaltungskosten der Stiftung benötigt werden, werden thesauriert für weitere stiftungsgerechte Investitionen.

Steigende Kosten einerseits und ständig zurückgehende Beiträge der öffentlichen Hand andererseits, verursacht durch die Finanznot der öffentlichen Haushalte, drohen allerdings den Bewegungsspielraum der Stiftung in absehbarer Zukunft erheblich zu beeinträchtigen.

Hauptkostenblock sind die Personalkosten von ca. € 17' Mio der über 600 Mitarbeiter, die unter der Leitung einer Geschäftsführung in Berlin-Steglitz stehen, deren Geschäftsführer Herr Wolfgang Schrödter heute auch anwesend ist und Ihnen bei Interesse im Gespräch gerne ergänzende Auskünfte gibt.

Die Stiftung setzt also ihre Mittel in eigener Regie unmittelbar ein und ist somit eine operative Stiftung im Gegensatz zur Mehrzahl privater Stiftungen, die als sogenannte Förder- oder Finanzstiftungen Finanzmittel geförderten Projekten und Personen zu stiftungszweckgerechter Verwendung zuwenden.

Als operative Stiftung ist die Donnersmarck-Stiftung unausweichlich unternehmerisch tätig, wenn auch im Unterschied zum Unternehmer der Privatwirtschaft nicht die Gewinnerzielung selbst, sondern die Verwirklichung des Stiftungszweckes eigentliches und ultimatives Ziel der Aktivitäten ist, - das sich freilich ohne Gewinnerzielung nicht realisieren lässt.

Die besondere Verquickung von Gewinnstreben einerseits und letztlich anvisiertem Erfolg, der Verwirklichung des Stiftungszweckes andererseits, der eine operative Stiftung kennzeichnet, ist zumindest auch dem herkömmlichen Unternehmer häufig nicht fremd, da er oft im Mittelpunkt seiner Überlegungen und als Ziel seiner Aktivitäten nicht den bloßen Gewinn, sondern eigentlich die Verwirklichung einer Idee, eines Konzeptes, einer Erfindung, kurz im praktischen Erfolg seiner als sinnvoll verstandenen Arbeit das wirkliche unternehmerische Ziel sieht, - das sich freilich auch nicht ohne Gewinnerzielung realisieren lässt. (Typischerweise findet sich der hier angesprochene Unternehmertyp eher im Mittelstand und weniger bei großen, anonymen Aktiengesellschaften und dort insbesondere dann nicht, wenn das Kapital in Händen reiner Finanzinvestoren liegt.)

Was nun eine operative Stiftung anbelangt, so ist sie bei der Verwaltung ihrer finanziellen Ressourcen selbstverständlich darauf angewiesen, sie so gewinnorientiert wie möglich anzulegen, damit die Verwirklichung des Stiftungszweckes überhaupt möglich wird. Und, um sich die Verwirklichung des Stiftungszweckes dauerhaft leisten zu können, müssen die finanziellen Ressourcen primär sicher angelegt sein, d.h., die Erhaltung des Stiftungsvermögens, die sichere Anlage hat Vorrang vor hoher Rendite.

Ihre unabdingbare unternehmerische Komponente verbindet die Fürst Donnersmarck-Stiftung mit ihrem Stifter, dem Fürsten Guido Donnersmarck, meinem Urgroßvater. 1830 geboren, war er einer der bedeutendsten Unternehmer der Gründerzeit und der Industrialisierung Deutschlands, also der Zeitspanne zwischen dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und dem ersten Weltkrieg. Er galt in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg als der nach Krupp reichste Industrielle Deutschlands, der außerdem Großgrundbesitzer und noch im hohen Alter Immobilieninvestor und -entwickler im großen Stil war, wobei ihn in allen Bereichen Weitsicht, kreative Innovationskraft und praktisches Umsetzungsvermögen auszeichneten.

Seine finanziellen Interessen reichten von Russland bis in die USA, ihr Zentrum freilich hatten sie im Industriegebiet Oberschlesiens, wo die Familie seit Generationen ansässig war.

Gegründet hat mein Urgroßvater die Stiftung zu einer Zeit, als der - sozusagen - Patronatsherr unseres heutigen Abends, Franz von Mendelssohn, bereits zwei Jahre Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer war, nämlich im Frühjahr 1916.

Der Stifter war damals bereits 86 Jahre alt und verstarb unerwartet im Dezember des gleichen Jahres, was im wesentlichen der Grund dafür war, dass seine Stiftung seinerzeit praktisch nicht zum Tragen kam. Zwar war sie 1916 als juristische Person etabliert, waren das Stiftungskapital von 4 Millionen Goldmark eingezahlt und das ihr zugedachte Gelände im heutigen Frohnauer Wald von 1000 Morgen (= etwa 300 Hektar) ihr übertragen, - Vermögenswerte, die nach heutigem Geld berechnet bei 150 - 200 Mio Euro lagen und etwa 2 % des Vermögens des Stifters darstellten. Ihre Arbeit aufgenommen aber hat die Stiftung damals nicht.

Aus bestimmten Gründen nämlich hatte besagter Guido Donnersmarck die Stiftung an Kaiser Wilhelm II persönlich gemacht, d.h., der Kaiser war Träger der Stiftung, wenn auch Finanzier und Ausführender mein Urgroßvater war. Als dieser im Dezember 1916 unerwartet verstarb, hatte der Kaiser anderes zu tun, als sich um die Stiftung zu kümmern.

Sie ruhte, die Barmittel wurden in Kriegsanleihen gesteckt, das Frohnauer Gelände als Forst verwaltet. In der Folge machten die Entwertung der Kriegsanleihen und die Inflation die Stiftung bargeldlos. Teile des Frohnauer Geländes mussten in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg abgegeben werden.

Nach Ende des 1. Weltkrieges, in den 20er Jahren, hatte der Kaiser, der im holländischen Exil lebte, die Stiftung allerdings an die Familie zurückgegeben, die aber ihrerseits mit den Folgen des Krieges und des Versailler Vertrages sehr zu kämpfen hatte, da ihre wichtigsten Anlagen jetzt in Polen lagen. Die bereits substanziell geschwächte Stiftung lag mehr oder weniger unbeachtet weiterhin brach.

Erst nach dem 2. Weltkrieg wurde der verbliebene Waldbesitz Frohnau an die Stadt Berlin verkauft und der Erlös in Wohnimmobilien angelegt, deren Nettoerträge dann im Sinne des Stiftungszweckes schrittweise eingesetzt wurden.

Worin nun lag der Stiftungszweck, von dem letztlich auch der "bürgerschaftliche Charakter" der Stiftung ablesbar ist.
Als 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, den mein Urgroßvater ablehnte, wenn er ihn auch befürchtet hatte, sah er eine Verpflichtung darin, im Rahmen seiner Möglichkeiten zumindest zur Milderung der Kriegsfolgen beizutragen.

Er tat dies, indem er im Bahnhof von Frohnau und dem angrenzenden sogenannten Casino-Gebäude ein Privatlazarett einrichtete, das er finanzierte und an dessen kaufmännisch-organisatorische Spitze er selbst als 84jähriger trat, während seine Frau, die aus einer russischen Adelsfamilie stammte, die Schwesternschaft leitete.

Die Gebäude gehörten ihm, der das Gelände des heutigen Stadtteils Frohnau etwa 1910 aufgekauft hatte, um dort die Gartenstadt Frohnau zu gründen. (Die fächerartige Anlage Frohnaus um den Bahnhof wie auch die Straßennamen soweit sie den Namen von Weinorten tragen, etwa die "Zeltinger Straße", - stammen von ihm - denn er hatte angeordnet, die Straßen nach seinen bevorzugten Weinlagen zu benennen).

Das Paar, das seinen Berliner Wohnsitz in einem Palais am Pariser Platz 2 gegenüber dem Adlon hatte, nahm sogar Wohnung in Frohnau, um das Lazarett vor Ort leiten zu können.

Grundidee, den Bahnhof als Lazarett zu nutzen, war, die Kriegsverletzten vom einlaufenden Lazarettzug unmittelbar auf den Operationstisch bzw. schnellstens in stationäre ärztliche Versorgung zu bringen.

In der Arbeit des Lazaretts stellte sich heraus, dass zwei neue Verletzungsarten mangels entsprechender Erfahrung von der Ärzteschaft nicht ausreichend behandelt werden konnten, nämlich die durch Granatsplitter entstandenen Verletzungen und die durch den Gaseinsatz bewirkten.

Um diesem Mangel an ärztlicher Erfahrung abzuhelfen, beschloss besagter Guido Donnersmarck, eine eigene Stiftung zu gründen. Sie wurde geplant als eine Krankenanstalt im Wald von Frohnau, dessen Waldluft vor allem den durch Gas lungenverletzten Kriegsversehrten zugute kommen sollte. Der Krankenanstalt angegliedert sollte ein eigenes Forschungsinstitut sein zur "wissenschaftlichen Verwertung" der mit den neuen Verletzungsarten gemachten ärztlichen Erfahrungen. Verbindung zwischen diesem geplanten Institut und der Charité war bereits hergestellt, wie sich der Stifter überhaupt intensiv von angesehenen ärztlichen Beratern, darunter auch seinem Leibarzt und qualifizierten Juristen beraten ließ.

Als die Stiftung, die aus den angedeuteten Gründen erst nach dem 2. Weltkrieg begann, Aktivitäten zu entwickeln, war dies zunächst die Arbeit mit Kriegsverletzten in den damals bestehenden Nachbarschaftsheimen. Im Laufe der Jahre wurde daraus in Anlehnung an den ursprünglichen Stiftungszweck der Rehabilitation von Kriegsversehrten die Arbeit mit dem körperbehinderten Menschen überhaupt.

Das bürgerschaftliche Engagement des Gründers nun lag darin, mit der Versorgung von Kriegsverletzten, insbesondere hinsichtlich ihrer bisher unbekannten Verletzungen, eine Lücke zu schließen, die von allgemeiner Bedeutung und insofern gegeben war, als weder die öffentliche Hand noch die Privatwirtschaft sich ausreichend ihrer annahmen oder annehmen konnten; das bürgerschaftliche Engagement also als Bereich neben öffentlicher Hand und Privatwirtschaft, als dritte Säule neben Staat und Privatwirtschaft wie manche sagen, ist nach meiner Einschätzung hier sehr deutlich zu Tage getreten.

Zur Frage der Motivation des Stifters ist mir, als ich mir anlässlich des Diktats meiner heutigen Ausführungen die Stiftung und ihren Stifter einmal wieder zu vergegenwärtigen hatte, erneut aufgefallen, dass kein Anhaltspunkt dafür erkennbar ist, dass der Stifter von religiösen, mild- oder wohltätigen Motiven, steuerlichen Überlegungen oder geschäftlichen Intentionen, etwa solchen einer "corporate identity" bewegt war.

Nicht, dass ich gegen solche Motive etwas einzuwenden hätte, im Gegenteil: beispielsweise bin ich der Meinung, dass die steuerliche Absetzbarkeit von Spenden und Stiftungen schnellstens über die im Jahre 2000 erfolgten Regelungen hinaus erweitert werden muss.

Wenn aber vorliegend keine äußeren, das Engagement initiierende oder begleitenden Motive erkennbar sind, was hat den Stifter dann zu seiner Stiftung bewegt. Es muss ein sehr persönliches, ein sozusagen inneres Bedürfnis gewesen sein.

So war es auch:
Der Stifter, der von seinem 18. bis zu seinem 40. Lebensjahr, als der preußisch-französische Krieg ausbrach, in Paris gelebt hatte, von Paris aus seinen Wohlstand entwickelte und französisches Großkapital in die Industrialisierung Oberschlesiens lenkte, der Bismarck nahe stand, lehnte den Krieg von 1914 ab. Als der Krieg ausgebrochen war allerdings, wollte er nicht, dass Deutschland ihn auch noch verliert, wie sich aus Quellen belegen lässt, und fühlte er sich persönlich, wie ich schon sagte, verpflichtet, als Privatmann zur Linderung der Folgen eines als unsinnig angesehenen Krieges beizutragen, eben durch Gründung des Lazaretts und zur Errichtung der Stiftung, als das Lazarett sich als unzureichend erwies, wobei er dieses, wenn man so will, von Patriotismus getragene Engagement nach ganz den gleichen Prinzipien betrieb, wie er sie auf seinen geschäftlichen Unternehmungen angewandt hatte.

So war die Stiftung ganz Ausdruck seiner Person, wie jedes Geschenk, jede Spende und insbesondere jede Stiftung mehr als eine Visitenkarte, nämlich Ausdruck der Person, der Persönlichkeit des Schenkers, Spenders oder Stifters ist.

Hieran, anhand des vorgetragenen Beispiels erinnert zu haben, rechtfertigt vielleicht, dass der Herr Präsident Dr. Schweitzer mich freundlicherweise aufgefordert hat, Ihnen die Fürst Donnersmarck-Stiftung vorzustellen und auch, dass ich die mir vorgegebene Zeit etwas überschritten habe.

Noch als "apercu" 3 Bemerkungen:
  1. bedauerlich ist, dass die ursprüngliche Stiftung mit dem Tod des Stifters im Jahre der Stiftung gar nicht zum Tragen kam,
  2. der Lauf der Geschichte ist, dass vom Reichtum des Stifters mit Ende des 2. Weltkrieges nichts Nennenswertes mehr geblieben ist, es sei denn, diese - gemeinnützige - Stiftung, die Fürst Donnersmarck-Stiftung zu Berlin,
  3. bedenkenswert erscheint, dass mit einer solchen Stiftung die Person des Stifters zumindest noch als ferner Schatten erhalten bleibt, vorliegend als Schatten eines großen Unternehmers mit überdies einer sehr farbigen Biographie jenseits allem Konventionellen, die zu schildern den Zeitrahmen aber nun wirklich sprengen würde!
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
 
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