Ekkehard Reichel

Vom Geschäftsführer zum Studenten

Interview mit Ekkehard Reichel
November 1997

 
Ekkehard Reichel

Herr Reichel, Sie waren 27 Jahre lang erfolgreicher Geschäftsführer für die Fürst Donnersmarck-Stiftung. Was macht nach Ihrer Meinung eine gute Geschäftsführung aus?

Ekkehard Reichel (E.R.): 1. Man braucht gute Mitarbeiter. Ich glaube, die Fähigkeit, gute Mitarbeiter zu finden, heranzuführen und zu motivieren, besaß ich. Es ist wichtig, die Mitarbeiter für die Aufgabe, die einen selbst begeistert, mitzubegeistern und mit diesen Mitarbeitern im Team zusammenzuarbeiten.
2. Natürlich gehört auch Fortune dazu. Denn nicht alles, was erreicht wurde, ist aus Fähigkeit oder Fleiß entstanden, sondern es waren auch günstige Zeiten, zu denen ich die Geschäftsführung übernehmen konnte.
3. Außerdem - und das habe ich versucht, auch an meine Mitarbeiter weiterzugeben - muß man sich entfalten können. Man muß die Fähigkeiten, die man besitzt, einsetzen können. Es ist wichtig, daß einem von anderer Stelle nicht immer Grenzen gesetzt werden, damit man sich mit seiner ganzen Arbeitskraft auch dem Ziel zuwenden kann, das man selbst für wichtig hält und das man erreichen möchte. Ich hatte das Glück, daß ich mit einem Kuratorium zusammmenarbeitete, das mir voll vertraute, und einem Vorsitzenden, dem Fürsten, der mich arbeiten ließ.

Wenn Sie an all die Jahre zurückdenken: Was betrachten Sie als Ihren größten Erfolg?

E.R.: Der größte Erfolg, der mir beschieden wurde, ist sicherlich, daß es mir gelungen ist, die Stiftung groß zu machen, aus einer kleinen Stiftung eine große Stiftung aufzubauen. So wurde es möglich, viel für die behinderten Menschen zu leisten und große finanzielle Mittel in die Arbeit zu stecken, die die satzungsgemäße Aufgabe der Stiftung ist. Den größten Einzelerfolg sehe ich darin, daß ich nach schwierigen Verhandlungen die Gelder aus dem Verkauf des Frohnauer Waldes, bei dem wir einen guten Preis erzielten, so einsetzen konnte, daß die Stiftung heute auf einer guten, gesunden finanziellen Basis steht.

Fast drei Jahrzehnte lebten Sie mit der Stiftung. Was war für Sie in dieser Zeit das stärkste Erlebnis?

E.R.: Fange ich mal mit einem Mißerfolg an: Ein Mitarbeiter, den ich 22 Jahre, fast freundschaftlich, geschätzt hatte, hatte die Stiftung betrogen, und ich mußte mich von ihm trennen. Das war eines der schlimmen Erlebnisse. Das kann man als Mißerfolg werten. Denn ich hatte ihn, wie eigentlich alle Leitenden Mitarbeiter in der Stiftung, eingestellt und ihm vertraut.
Als positives Erlebnis, auf eine Person bezogen, fällt mir ein Fall aus dem Fürst Donnersmarck-Haus ein: Ein Bewohner, der wegen seiner überaus schwierigen Behinderung und den umfangreichen Maßnahmen, die er als Pflege benötigte, nicht aufgenommen werden sollte, kam dann mit meiner Entscheidung - in Abstimmung mit dem Leiter, Herrn Richter - gegen viel Widerstand doch in das Haus. Dieser Bewohner konnte im Laufe der Zeit so rehabilitiert werden, daß er das Haus verließ und nun in einer unserer Wohngemeinschaften lebt. Das ist ein menschlicher Erfolg für mich, der mir im Gedächtnis bleibt. Normalerweise wird eine solche Entscheidung im Team beraten, und man kommt dort zu einem Entschluß. Irgendwann aber, wenn die Entscheidungsfindung nicht funktioniert, ist doch der Geschäftsführer gefordert und muß entscheiden. Und daß diese Entscheidung ein so positives Ergebnis zeigte, war ein gutes Erlebnis.

Zum Schluß des Rückblicks möchte ich Ihnen eine Frage stellen, die mir die Pressegruppe mitgegeben hat. Dachten Sie bei Verhandlungen, die Sie für die Stiftung führten, auch an die Menschen, für die Sie laut Stiftungszweck tätig waren, oder spielte das beim Umgang mit Zahlen und Geschäften keine Rolle?

E.R.: Der Stiftungszweck stand immer im Vordergrund. Arbeit und Zweck kann man auch nicht voneinander trennen. Das war ja genau das Schöne an meiner Arbeit: Wenn ich schwierige Verhandlungen führen mußte, manchmal auch unangenehme Entscheidungen fällen mußte, hatte ich stets im Hinterkopf: Ich tue es nicht für mich selbst oder für irgendwelche unbekannten Aktionäre, sondern ich handle für die Menschen, die bei uns sind und die ich z.T. auch persönlich kenne. Ich konnte mir sogar Gesichter vorstellen, für die ich agierte.
Machen wir es an einem Beispiel fest: Wenn ich mich mit Mietern herumärgern mußte, habe ich oft gesagt: Wir sind keine Stiftung, die Mietern eine subventionierte Unterkunft gewährt, sondern wir brauchen die Gelder, um unsere satzungsgemäße Aufgabe zu erfüllen. Diese Verpflichtung habe ich auch immmer in mir gefühlt: Stets habe ich das herausgeholt, was gesetzlich möglich ist, niemals darüber hinaus. Aber die Möglichkeiten, die man als Kaufmann im Rahmen des Gesetzes und mit den finanziellen Mitteln der Stiftung hat, mußte ich in vollem Umfang ausnutzen. Das wurde mir auch vom Kuratorium aufgetragen. Ich habe diese Verpflichtung in manchen Situationen sogar als Erleichterung empfunden, wenn ich hart sein, auf Konfrontationskurs gehen mußte. Denn ich bin niemand, der mit ausgefahrenen Ellenbogen durch die Welt läuft, sondern eher jemand, der verhandelt und zu Kompromissen kommen möchte. Aber hier lag für mich die Grenze: Das beste für die Menschen, die bei uns leben und zu uns kommen, zu erwirtschaften, war meine Verpflichtung.

Wie erlebten Sie Ihren Abschied von der Stiftung und ihren Teilbereichen?

E.R.: Wissen Sie, Sie fragten mich nach einem schönen Erlebnis während meiner Dienstzeit in der Stiftung: Die Verabschiedung in der blisse 14 und auch besonders die kleinen Abschiedsfeiern in den verschiedenen Einrichtungen gehörten mit zu den schönsten Erlebnissen meines Arbeistlebens. Es war schön, bei vielen, ich möchte fast sagen bei allen, Leitenden Mitarbeitern meines Teams und bei vielen anderen Mitarbeitern, die an diesen Feiern mitgewirkt haben, eine große Zuneigung zu spüren. Und dies trotz einiger Auseinandersetzungen, die man im Laufe der Jahre auch mit den Mitarbeitern durchstehen mußte. Daß man sich so viel Mühe gegeben hatte, war mir eine ganz große Freude. Z.B. die Verabschiedung in der Zentrale mit rotem Teppich und Plakaten oder die nette Darstellung des Wachsens der Stiftung mit Hilfe der Luftballons in der blisse 14. Sie wissen ja, daß ich keine Feierstunde mit vielen Reden und Senatsempfang wollte, sondern eine fröhliche Party mit meinen Mitarbeitern und mit Freunden der Stiftung. Selbstverständlich habe ich mich aber auch über die freundlichen und freundschaftlichen Worte der drei Redner auf der großen Abschiedsfeier in der blisse 14 gefreut.

Welches Ziel, das Sie sich gesteckt hatten, hätten sie gerne noch erreicht?

E.R.: Da brauche ich nicht lange nachzudenken. Das ist das Gästehaus in Rheinsberg. Es gibt manche Dinge, da bin ich froh, daß sie vorbei sind. Denn vieles ist schwieriger geworden. Man wird älter und nicht dickhäutiger, sondern eher dünnhäutiger. Aber Rheinsberg wollte ich gerne bis zur Grundsteinlegung bringen. Da mir dies nicht gelungen ist, war es besonders nett von den Mitarbeitern des FüDoSti-Bowlingteams, mir eine gemeinsame Fahrt nach Rheinsberg zu schenken, wo ich einen symbolischen Grundstein ‘heben’ konnte. Andererseits ist es immer gut, gründlich zu planen und dann zügig zu bauen. Das war auch stets meine Devise. Doch es ist nicht immer gelungen. Manchmal ist lange geplant und leider auch lange gebaut worden.

Welche Gedanken hatten Sie, als Sie den Staffelstab an Ihren Nachfolger übergaben?

E.R.: Da kann ich nur sagen: sehr gute. Ich bin froh und dankbar, daß es uns gelungen ist, den richtigen Mann zu finden, der all das mitbringt, was heutzutage unabdingbar ist. Er besitzt z.B. das notwendige Managerwissen für die heute geforderte Budgetierung. Es ist ein Glück, daß er über die Fähigkeiten verfügt, diese Maßnahmen und die heute notwendigen Organisationsstrukturen umzusetzen. Ich habe neben dem guten Gefühl im Fachlichen gegenüber meinem Nachfolger, Herrn Schrödter, auch im Privaten ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm aufbauen können. Wir werden im Kontakt bleiben. Ich habe es zwar abgelehnt, im Kuratorium mitzuwirken, denn auch ich hätte es nicht gerne gesehen, wenn mein Vorgänger über meine Arbeit befunden hätte. Ich werde jedoch gesprächsbereit sein, wenn ich von ihm gefragt werde.

Werden Sie noch Verbindung zur Fürst Donnersmarck-Stiftung halten?

E.R.: Das habe ich mir schon bei meinem Abschied in der Schädestraße gewünscht. Ich möchte gerne kommen, wenn Festlichkeiten stattfinden, wenn die Weihnachtsfeiern anstehen. Außerdem möchte ich auch zu anderen Veranstaltungen wie den musikalischen Veranstaltungen am Mittwochabend kommen. Daran konnte ich früher nicht teilnehmen, da ich zu dieser Zeit noch für die St. Gertraudt-Stiftung in Spandau tätig war.
Zum FüDoSti-Bowlingteam werde ich den freundschaftlichen Kontakt weiterhin aufrecht erhalten und an den Betriebsfahrten teilnehmen, die einmal im Jahr stattfinden. Ich werde selbstverständlich, wenn man mich ruft und mich brauchen sollte - und wenn es mir möglich ist zu helfen - Hilfe gerne gewähren. Aber wie ich Herrn Schrödter in dem halben Jahr gemeinsamer Arbeit kennengelernt habe, wird es gar nicht notwendig sein, daß der "Alte" noch einmal mitmachen muß.

Was füllt jetzt Ihren Alltag, der maßgeblich durch die Belange der Stiftung bestimmt war, aus?

E.R.: Das ist eine Frage, die ich selbst noch nicht beantworten kann. Ich bin im Moment überhaupt noch nicht zum Luftholen gekommen, sondern dauernd im Stress. Nach meinem Ausscheiden aus der Stiftung habe ich erst einmal einen Urlaub gemacht wie jeden anderen. In den zwei Wochen, die ich jetzt wieder zu Hause bin, bin ich dazu gekommen, meinem Wunsch, den ich so sehr hegte, nämlich jeden Morgen zwei Stunden für meine Zeitungslektüre zu finden, nachzugehen. Es blieben auch noch einige Verpflichtungen aus dienstlichen Zusammenhängen. In Zukunft werden das Enkelkind, das Sie beim Eintreten hörten, und das zweite, das unterwegs ist, hoffentlich zu ihrem Recht kommen. Ich möchte die Bücher, die Sie hier in meiner Bücherwand sehen, lesen. Denn viele stehen dort noch ungelesen. Ich möchte im Sommer, wenn der Wind weht, nicht nur sehnsüchtig aus dem Fenster gucken müssen, sondern tatsächlich das Surfbrett auf das Wasser legen können. Sicher werde ich zu Hause einiges ordnen, was ich über die Jahre vernachlässigt habe. Vielleicht komme ich auch zu Ihnen in die FuB, um die EDV zu erlernen. Ich habe einen Freund, der das nach seiner Pensionierung mit großer Leidenschaft angefangen hat. Und außerdem habe ich einen Wunsch, den meine Frau nicht ganz nachvollziehen kann. Sie würde lieber, wenn sie schon studieren würde, Kunstwissenschaft oder etwas anderes Schönes belegen. Ich möchte aber gerne noch einmal volkswirtschaftliche Vorlesungen hören, nicht in diesem Jahr, aber vielleicht im nächsten oder übernächsten Jahr. Ich mußte als Vollwaise mein Studium schnell abschließen und war damals richtig traurig, daß ich aufhören mußte. Denn erst in den letzten Semestern kapiert man eigentlich, um was es geht, und fängt an, die komplizierten Zusammenhänge richtig zu verstehen. Mein Sohn, der auch Volkswirtschaft studiert hat, erzählt manchmal von Dingen, die zu meiner Zeit überhaupt noch nicht bekannt waren. Gerade diese Wissenschaft hat sich sehr stark entwickelt, was man trotz Lektüre des Wirtschaftsteils nicht nachvollziehen kann. Ob das alles so richtig ist, wage ich zu bezweifeln, denn die wirtschaftlichen Verhältnisse sind z.Zt. ja gar nicht gut, aber ich möchte zumindest die neuesten wissenschaftlichen Ansätze kennenlernen.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre Zukunft!