„Gemeinsam in der Differenz"

Prof. Weigand im Profil. Er blickt nach rechts und hat die Arme verschränkt.
 
 

Ein Gespräch mit Prof. Wolfgang Weigand

Seit über 20 Jahren begleitet Prof. Wolfgang Weigand die Entwicklung der Fürst Donnersmarck-Stiftung in beratender Funktion. Der promovierte katholische Theologe und Sozialwissenschaftler gehört zu den Pionieren der gruppendynamischen Personal- und Organisationsentwicklung in Deutschland. Als externer Supervisor und Berater beschäftigt er sich seit seiner Dissertation mit dem Verhältnis von Solidarität und Konflikt.

Im Juli 2020 trafen sich Prof. Weigand und Dr. Sebastian Weinert in der Villa Donnersmarck, um über das Motto „Gemeinsam in der Differenz“ zu sprechen. Das Ergebnis war ein langes Gespräch über die Geschichte der gruppendynamischen Supervision, das Selbstverständnis von Einrichtungen für Menschen mit Behinderung und die aktuelle Situation in der Corona-Pandemie.

 

Herr Prof. Weigand, Ihre Dissertation ist 1979 erschienen und trägt den Titel „Solidarität durch Konflikt: Zu einer Theorieentwicklung von Solidarität“. War das Thema auch Ausdruck Ihrer Auseinandersetzung mit den sozialen Bewegungen dieser Zeit?

Wolfgang Weigand: So kann man das sagen. Ich habe mitten in der 1968er-Bewegung mein Studium aufgenommen und kam somit direkt mit diesen Themen in Kontakt. Aufgrund meiner Internatserziehung hatte ich dann auch viel aufzuarbeiten. Nach meinem Studium in Würzburg und München wurde ich in Würzburg Assistent am Lehrstuhl für Sozialethik, wo ich schließlich promovierte. Das Thema „Konflikt und Solidarität“ lag gewissermaßen auf der Hand. Das waren zwei wichtige Stichworte in der Studentenbewegung.

Solidarität war aber auch ein sozialethisches Thema, das für mich sehr interessant war. Während meiner Studienzeit standen sich der christliche und der marxistische oder sozialistische Solidaritätsbegriff gegenüber. In der christlichen Soziallehre wird die Solidarität, kurz gesagt, damit begründet, dass wir alle Kinder Gottes sind. Der sozialistische bzw. marxistische Solidaritätsbegriff gründet dagegen darauf, dass man Arbeiter und Mitglied des Proletariats, also der gleichen Klasse ist.

Ich habe in meiner Dissertation versucht, einen dritten Solidaritätsbegriff zu entwickeln – nämlich einen sozialwissenschaftlichen oder sozialpsychologischen, also empirisch gefüllten Begriff. Ich bin nicht deduktiv vorgegangen – also von den Prinzipien aus betrachtet – sondern induktiv. Ich habe gefragt, welche Funktion die Solidarität in der Gruppe und der Gesellschaft hat. Damit kam ich dazu, Solidarität über den Konflikt zu entwickeln. Im Laufe der Zeit habe ich dies in der Sentenz „Gemeinsam in der Differenz“ formuliert.“

Es ging Ihnen also darum, den Solidaritätsbegriff auf eine andere theoretische Grundlage zu stellen?

Wolfgang Weigand: Ich stellte mir die Frage, wie sich gesellschaftliche Solidarität eigentlich begründen lässt. In den 1970er Jahren wurde sie immer ontologisch begründet – also ausgehend von der jeweiligen gesellschaftlichen Großtheorie, der man anhing.

Da war es natürlich spannend, Solidarität eben nicht deduktiv von oben abzuleiten, sondern in das Alltagsleben zu schauen. Wir haben da ja schon sehr viel gruppendynamisch gearbeitet. Wie erleben wir denn Solidarität? Wie entwickelt sie sich? Wo ist sie gestört? Wie verstehen wir sie in der Kommunität?

Gleichzeitig sind die 1970er Jahre ja auch eine Zeit des Streits und der intensiven gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Es ist auch eine sehr streitbare, sehr konfliktreiche Zeit, in der die Gesellschaft zerrissen ist. Und in dieser Zeit beschäftigen sich viele Menschen damit, wie man Gemeinsamkeit durch das Aushandeln von unterschiedlichen Positionen herstellen kann. Jürgen Habermas entwickelt ja auch gerade in dieser Zeit seine Theorie des kommunikativen Handelns.

Wolfgang Weigand: Das ist völlig richtig. Denn mit „Solidarität“ war ja in erster Linie die Solidarität der Bewegung – der Arbeiterbewegung, der Studentenbewegung gemeint

Inwiefern ist Ihr Thema „Gemeinsam in der Differenz“ noch heute relevant?

Wolfgang Weigand: Ja, natürlich. Erst 2019 hat der Kasseler Soziologe Heinz Bude das Buch „Solidarität: Die Zukunft einer großen Idee“ veröffentlicht. Wenn ich heute ein Buch über Solidarität entdecke, beschäftige ich mich natürlich immer noch damit.

Budes Auseinandersetzung mit dem Begriff ist hochinteressant. Sie ist natürlich viel stärker auf die aktuelle politische Lage bezogen und damit aktueller als meine Dissertation. Aber das Grundthema bleibt, dass hinter der Solidaritätsfrage auch der Konflikt steht. Also die Frage ist, wie der Solidaritätsgedanke mit dem Konfliktgedanken zusammengehen kann.

Über diesen Weg kam ich ja zu der Formel „Gemeinsam in der Differenz“. Bei allen Gemeinsamkeiten ist es wichtig, auch die Differenzen zu sehen. Stärker formuliert: Eigentlich muss man die Differenzen bearbeiten, um eine Gemeinsamkeit herzustellen.

Ist es aber nicht auch umgekehrt richtig, bei aller Differenz auch die Gemeinsamkeiten zu sehen? Man muss also von einem gemeinsamen Stand ausgehen?

Wolfgang Weigand: Das ist eine schöne Formulierung, die Sie verwenden. Die Suche geht immer nach der Solidarität, nach dem Gemeinsamen. Das hat sich in der Praxis oft nicht mit dem Konflikt vertragen. Wenn man Gemeinsamkeit proklamiert…

…dann darf man nicht streiten.

Wolfgang Weigand: Ja, ganz genau.

Sehen wir aber nicht gerade auch wieder in der Gegenwart, wie die Gemeinsamkeit herausgefordert wird? Man vergisst sehr leicht, was in diesem Jahr jenseits der Corona-Pandemie alles vorgefallen ist. Da war die Landtagswahl in Thüringen, da war der Anschlag in Hanau, da war auch die weltweite „Black lives matters“-Bewegung. An vielen Stellen wurden ganz fundamentale demokratische Vereinbarungen gebrochen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Auch jetzt gerade während der Corona-Demonstrationen. Im Augenblick leben wir auch wieder in einer scheinbar zersplitterten Gesellschaft, in der wir viele Auseinandersetzungen auf ganz vielen Ebenen beobachten können und elementare Grundsätze herausgefordert oder in Frage gestellt werden.

Wolfgang Weigand: Was Sie sagen, leuchtet mir sehr ein. Sie argumentieren auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene. Ich bin dagegen immer mikropolitisch, mikrogesellschaftlich oder mikrosozial vorgegangen. Ich bin ein Kind der Gruppendynamik.

Sie interessieren sich mehr für den Einzelnen und seine Beziehung zur Gruppe.

Wolfgang Weigand: Ganz genau. Ich habe 1966 in Bayern Abitur gemacht als gerade die gruppendynamische Bewegung nach Deutschland kam. Eine wichtige Figur war damals Tobias Brocher, der die Gruppendynamik aus den USA in die deutsche Erwachsenenbildung gebracht hat.

Der Grundgedanke der Gruppendynamik ist ja die Metakommunikation. Man diskutierte den Ablauf z.B. eines Seminars – aber nicht über die Inhalte, sondern über die Beziehungsverhältnisse und vieles mehr. Alle nahmen daran teil, sodass die Veranstaltungen metakommunikativ transparent wurden.

Für uns, die wir ja sehr autoritär erzogen worden sind, war das natürlich eine Offenbarung! Wenn man plötzlich Teil einer Gruppe ist und gefragt wird: „Was hältst du denn von dem da drüben? Warum bist du so aggressiv?“ Diese und andere Fragen wurden dann intensiv hin und her bewegt.

Das heißt, das Lehrpersonal machte den Schülerinnen und Schülern gegenüber plötzlich ihre eigenen Grundsätze transparent?

Wolfgang Weigand: Ja es ging darum, nicht über etwas Drittes zu reden, sondern über die Beziehungsebene im Hier und Jetzt. Das war das Entscheidende. Es ging nicht darum, welche Funktionen oder Ämter man hat. Es ging nicht mehr um irgendein Sachthema, sondern es ging um die individuellen Persönlichkeiten im Raum und ihre Beziehungen zueinander.

 
Drei Männer stehen an einem Schaubild mit der Aufschrift "Stiftungstagung"

Geschäftsführer Wolfgang Schrödter (Bildmitte) mit den beiden Beratern Matthias Schulze-Kraft (links) und Prof. Wolfgang Weigand (rechts)

 

Wo setzten sich die gruppendynamischen Ansätze zuerst durch?

Wolfgang Weigand: Das war die außerschulische Bildungsarbeit. Dort begann die Gruppendynamik dann kam sie in die Sozialarbeit und in den Gesundheitsbereich und – viele Jahre später – in Einrichtungen wie die Fürst Donnersmarck-Stiftung.

Ich kann mich noch gut an mein erstes Training im Jahr 1974 erinnern. Ich hatte mich ja schon zuvor in der 68er-Bewegung engagiert. Als dann die Leute dort anfingen, über ihre Gefühle zu sprechen, fragte ich: „Was soll denn das hier? Wo ist denn die politische Dimension bei dem, was ihr erzählt?“ [lacht]

Ich frage mich gleichwohl, was wir heute noch mit diesen Ansätzen machen können? Wie können Sie uns helfen, die sogenannte „neue Normalität“ zu gestalten?

Wolfgang Weigand: Jetzt machen Sie aber einen Riesensprung! Aber gut: „Gemeinsam in der Differenz“ ist ein philosophisch-anthropologischer Topos. Von den Privatbeziehungen, also der Freundschaft oder der Ehe, bis hin zu gesamtgesellschaftlichen Themen geht es immer um die Frage, wie ich Gemeinsamkeit oder Zugehörigkeit, mit dem Konflikt, der Auseinandersetzung oder dem Streit zusammenbringen kann. Es geht immer nur beides zusammen. Das kann man an ganz harmlosen Beispielen verdeutlichen: Wir sitzen hier friedlich zusammen, obwohl wir ganz unterschiedlich sind. Wir sehen anders aus, wir haben andere Biografien und vieles mehr. Eigentlich ist die Differenz im Vordergrund – und dennoch können wir in der Differenz nach Gemeinsamkeiten suchen, wie Sie vorhin schon gesagt haben.

Die Frage ist, ob wir wirklich so unterschiedlich sind, wie es den Anschein macht. In seinem Buch „Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft“ aus dem Jahr 2019 argumentiert der Münchener Soziologe Armin Nassehi recht überzeugend, dass uns die Digitalisierung auch deswegen ängstigt, weil sie uns – etwa im Kontext Big Data – beinahe täglich vor Augen führt, dass wir ganz und gar nicht so individuell sind, wie wir immer glauben. Ein Computer kann mit relativ wenig Aufwand beispielsweise voraussagen, welche Musikstücke Ihnen gefallen oder welche Kleidungsstücke Sie bevorzugen – und das auch dann, wenn er nur sehr wenige Daten von Ihnen als individuelle Person besitzt. Denn unsere Individualität, die für unser Selbstverständnis sehr wichtig ist, geht sehr schnell übergreifende Muster aus.

Wolfgang Weigand: Das ist völlig richtig. Dennoch würde ich an dieser Grundspannung, diesem Antagonismus gerne festhalten. Wir können an dieser Stelle auch gerne über die Arbeit von Einrichtungen für Menschen mit Behinderung sprechen. Das ist aus meiner Sicht ein ganz exemplarisches Feld, in der das Motto „Gemeinsam in der Differenz“ eine große Bedeutung hat.

Inwiefern denn?

Wolfgang Weigand: Aus meiner Sicht ist es so, dass der Status einer Behinderung immer noch ein Grund für eine Differenz ist. Die Gesellschaft trennt ja. Sie zieht den Strich zwischen den Menschen mit und ohne Behinderung. Aber eigentlich sind die Grenzen zwischen „behindert“ und „nicht-behindert“ ja fließend.
Viele Menschen reagieren immer noch mit Ablehnung auf Menschen mit Behinderung, blicken zuerst auf ihre „Andersartigkeit“, also die Differenz. Das will man sich in der Behindertenhilfe aber nicht immer eingestehen.

Besonders deutlich wird das zum Beispiel auch im Seehotel Rheinsberg. Menschen ohne Behinderung reagieren erstmal mit Ablehnung auf Gäste mit Behinderung und sagen eben nicht: „Schön, dass ihr auch da seid!“ Viele Menschen wollen sich nicht mit dem Thema Behinderung konfrontieren, weil sie sich dann mit ihrer eigenen Verletzlichkeit beschäftigen müssen. Das erzeugt eine Spannung, mit der man umgehen muss.

In der klassischen Behindertenhilfe würde man nun christlich argumentieren: „Wir sind ja eine große Gemeinschaft und helfen nur den Schwachen.“ Aber dadurch werden die Differenzen nicht aufgelöst.
Das ist aus meiner Sicht auch die zentrale Herausforderung der Inklusion: Sich mit der Differenz auseinanderzusetzen und sie zu reflektieren.

An dieser Stelle muss man allerdings sehr genau argumentieren und sich die Situation differenziert ansehen. Beim Reden über „Behinderung“ vergessen wir oft, dass die Gruppe der Menschen mit Behinderung sehr heterogen ist. Das hat aber auch Auswirkungen auf die Mechanismen der Exklusion, die man mitbedenken muss. Die Teilhabemöglichkeiten, die gesellschaftliche Stellung und vieles mehr ist auch sehr stark davon abhängig, über welche Behinderung man spricht.

Wolfgang Weigand: Das ist wahr.

Das Beispiel vom Seehotel Rheinsberg ist ja ganz lebensecht und intensiv mit der Geschichte der deutschen Behindertenbewegung verwoben. 1980 sprach das Landgericht Frankfurt am Main einer 64-jährigen Urlauberin einen „Schadensersatz“ zu, da in ihrem Hotel Menschen mit sichtbaren Behinderungen ebenfalls im Hotel waren. Das ist genau das Beispiel, das Sie erwähnt haben und ein Fixpunkt in der Geschichte der Behindertenbewegung.

Wolfgang Weigand: Das stimmt.

Gleichzeitig lohnt es, sich etwas intensiver mit der Disability History, also der Geschichte von Menschen mit Behinderung, auseinanderzusetzen. Es herrscht beispielsweise ein eher sozialromantisches Bild von der Frühen Neuzeit vor. Darin wird behauptet Menschen mit Behinderung seien in der vorindustriellen Zeit viel stärker in die Gesellschaft inkludiert gewesen als heute. Das mag in gewissen Punkten stimmen, vernachlässigt aber auch viele Fragen.

Zum Beispiel lässt sich argumentieren, dass der technisch-medizinische Fortschritt auch zu neuen gesellschaftlichen Fragen geführt hat. Viele bioethische Themen, die oft auch mit Menschen mit Behinderung verknüpft sind, stellten sich im in der Vormoderne nicht. Denn die Techniken, die dafür notwendig sind, existierten nicht. Die Debatte beispielsweise über das Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungsgesetz setzt zwingend voraus, dass die Beatmung des betroffenen Personenkreises möglich ist.

Wenn man sich mit der Geschichte der Behinderungen auseinandersetzt, fällt sehr schnell auf, wie sehr die Antwort auf die Frage, was „Normalität“ sein soll, ein Produkt von Aushandlungsprozessen ist. Genauer gesagt gibt es wahrscheinlich sehr unterschiedliche Normalitäten, die davon abhängen, aus welcher Perspektive man einen Menschen beurteilt. Die Idee der „Normalität“ produziert also immer Differenz, immer Inklusion und Exklusion.

Wolfgang Weigand: Da bin ich ganz bei Ihnen. Im Alltag kann man schnell beobachten, dass das herrschende Bewusstsein sofort nach Grenzziehungen sucht. Wer gehört zu uns? Wer gehört nicht zu uns?

Daran erkennt man, dass wir eben nur in einer sogenannten aufgeklärten Gesellschaft leben. Jürgen Habermas hat das ja in seinem Werk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ sehr schön herausgearbeitet.

Auf der anderen Seite sieht man, wenn man sich intensiv mit der Geschichte von Menschen mit Behinderung beschäftigt, dass sich die Situation von vielen Menschen mit Behinderung – beispielsweise im Vergleich mit den 1970er Jahren als die „Krüppelbewegung“ entstand – durchaus auch verändert hat. Sowohl was das Bewusstsein der Gesellschaft angeht als auch was die faktischen Chancen und Möglichkeiten der Menschen angeht.

Wolfgang Weigand: Ich stimme Ihnen sofort zu. Es ist natürlich offensichtlich, dass sich in dieser Zeit viel verändert hat. Aber es hat sich normativ verändert, finde ich. Es hat sich nicht reflexiv verändert. Ich meine damit, es gibt einen gesellschaftlichen und politischen Konsens, dass Menschen mit Behinderung dazugehören und die gleichen Rechte haben wir Menschen ohne Behinderung. Ein Großteil der Bevölkerung richtet sich auch danach.

Aber weite Kreise der Bevölkerung haben diese Aufgabe selbstreflexiv nicht verarbeitet. Wenn ich also mit einer Behinderung konfrontiert bin, habe ich zunächst den Impuls, wegzugehen und den Kontakt zu meiden. Und das ist aus meiner Sicht erstmal auch nicht schlimm. Schlimm ist, wenn ich nicht darüber nachdenke und dann beim Nachdenken die Gemeinsamkeiten zwischen mir und dem anderen Menschen sehe. Denn dann würde ich feststellen, dass ich auch Einschränkungen habe, also „behindert“ bin.

Mir persönlich wird bei dem Argument, dass alle Menschen irgendwie behindert seien, immer etwas unwohl. Es ist natürlich richtig, dass es einen fließenden Übergang zwischen Behinderung und Nicht-Behinderung gibt und wir alle – spätestens im Alter – einen Zustand erreichen, wo wir auf bestimmte Unterstützungsleistungen angewiesen sind. Das kann im Zweifel auch lediglich ein Aufzug oder ähnliches sein. Es gibt also in jedem Leben kürzere oder längere Phasen, in denen Menschen auf externe Hilfe angewiesen sind. Dennoch ist das Argument auch schwierig, weil es ganz manifeste Unterschiede und Teilhabechancen, die ganz real existieren, zu verwischen droht.

Es gibt unterschiedliche Teilhabechancen, es gibt unterschiedliche Startbedingungen und unterschiedlich große Barrieren, denen die entsprechenden Personen in der Gesellschaft begegnen. Das darf man, glaube ich, nicht aus den Augen verlieren.

Wenn wir von der individuellen Ebene abstrahieren und auf die gesellschaftliche Ebene gehen, erkennt man einfach sehr schnell deutliche Ungleichheiten. Es gibt also Formen der „Andersartigkeit“, mit denen eine ganz massive Einschränkung der gesellschaftlichen Aufstiegs- und Teilhabechancen einhergehen. Das betrifft zum Beispiel Menschen mit einer Lernschwierigkeit oder einer Mehrfachbehinderung.

Wolfgang Weigand: Das ist ein anregender Gedanke. Es gibt ein „Anders-Sein“, wie das zum Beispiel ein Berliner erlebt, wenn er nach Bayern geht. Das ist ein „Anders-Sein“, das akzeptiert wird.

Von denen aber keine gesellschaftlichen Exklusionsprozesse ausgehen.

Wolfgang Weigand: Genau!

 
Prof. Weigand hält einen Vortrag. Beide Hände sind hoch erhoben. Er trägt eine rote Weste.
 

Mich interessiert aber nun doch nochmal, wie wir mit Ihre Überlegungen auf die aktuelle Situation übertragen können. Kann uns Ihre Formel „Gemeinsam in der Differenz“ in der Corona-Krise helfen? Inwiefern fördert „Gemeinsam in der Differenz“ die Ambiguitätstoleranz oder die Fähigkeit zum Aushalten von „Nicht-Geklärtem“?

Wolfgang Weigand: Ich finde, die Formulierung, das „Nicht-Geklärte“ aushalten, ganz wunderbar. Das ist ja ein brandaktuelles Thema, das man – gerade im Umgang mit der Virologie als Wissenschaft – in der ganzen Gesellschaft erlebt. Bis hin zur Politik erlebt man die Erwartungshaltung, dass uns die Wissenschaft die endgültige „Wahrheit“ verkündet. Aber die Virologen können gar nicht sagen, was die Wahrheit ist. Sie können zu einzelnen Aspekten etwas sagen, die sich dann aber auch wieder ändern können, wenn der Forschungsprozess weiterläuft. Das auszuhalten, diese Toleranz zu entwickeln und dennoch Entscheidungen treffen zu müssen, ist nicht einfach.

Wie kann „Gemeinsam in der Differenz“ hier helfen?

Wolfgang Weigand: Das ist ein Lebensmotto. Das ist ein Motto, das uns helfen kann, die Schwierigkeiten des Lebens, des Miteinanderlebens, des individuellen und des kollektiven Lebens zu bewältigen. Ich stehe immer in der Spannung zwischen „Wissen-Wollen“ und „Nicht-Wissen-Können“ und die löst sich nicht auf.

Anders gewendet: Ich stehe in der Spannung zwischen Gemeinsamkeit und Individualität. „Gemeinsam in der Differenz“ lässt diese Spannung aushalten. Wenn ich also im Konflikt bin, brauche ich Techniken für die Kehrtwende zur Gemeinsamkeit. Unsere Psyche will das. Unsere Psyche sucht die Homogenität und nicht die Heterogenität.

Meinen Sie nicht, dass man auch diese Unsicherheiten aushalten kann? Dass sich also auch dieses „Dazwischen“ ertragen lässt?

Wolfgang Weigand: Natürlich, Sie müssen das aushalten. Wenn Leben gelingen soll, dann muss ich gemeinsam mit der Differenz leben. Sonst gelingt Leben nicht, weil man immer im Spannungsfeld von Solidarität und Konflikt steht. Das ist aber eine fortwährende Aufgabe für uns alle.

Ich kann das nicht besser als Sie, auch wenn ich vielleicht schon etwas länger darüber nachgedacht habe. Ich habe dieselben Probleme wie alle anderen auch.

Man muss also fortwährend daran arbeiten, „Gemeinsam in der Differenz“ zu sein oder diese „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, wie es der Historiker Reinhart Koselleck vielleicht nennen würde, auszuhalten?

Wolfgang Weigand: Ja, das ist es. Da ist ein Prozess, der nicht zum Ende kommt.

Professor Weigand, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

 
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