Phil Hubbe: Zeichnungen ohne Gebrauchsanweisung

Zeichnungen ohne Gebrauchsanweisung

Ein Cartoon von Phil Hubbe: Ein angebundener Hund sitzt vor einem Hauseingang, zu dem zwei Treppenstufen empor führen. Neben dem Hund sitzt vor der Eingangstreppe ein Mann in seinem Rollstuhl. An
Wie sind Sie zum Thema Behinderung im Cartoon gekommen?
PHIL HUBBE: Seit 1992 arbeitete ich als Cartoonist und las dann ’99 die Biografie von John Callahan, einem Amerikaner, der querschnittsgelähmt ist und eigentlich nur noch seine Hände bewegen kann. Ich sah Zeichnungen von ihm und fand sie gut, denn die Thematik Behinderung im Cartoon war etwas Besonderes. Freunde und Kollegen haben mich bestärkt: Das kannst du auch machen, du hast doch auch eine Behinderung. Versuch es mal!

Woher stammen die Ideen? Generieren Sie diese selbst? Werden die Ihnen auch zugetragen? Erleben Sie die Dinge selbst?
PHIL HUBBE: Das ist unterschiedlich. Die ersten Ideen kamen mir, als ich versuchte meine eigene Behinderung, die Multiple Sklerose, selbst als Thema zu verarbeiten. Da schöpfe ich aus meinen eigenen Erfahrungen. Als ich die Zeichnungen Mitgliedern aus meiner Selbsthilfegruppe gezeigt hatte, kamen von der Seite auch gleich Ideen, was man noch umsetzen könnte. Ich selbst sitze ja nicht im Rollstuhl. Ich setze den Rollstuhl in meinen Zeichnungen ein, weil dieses Bild als Form von Behindert-Werden und Behindert-Sein am einfachsten darzustellen ist. Eine Karikatur zeigt einen Rollstuhlfahrer, der gemeinsam mit dem Hund vor der Tür steht. Die Inspiration dazu kam mir beispielsweise, als ich einmal zu meiner Bank ging. Dort stand ein Rollstuhlfahrer neben dem Fahrradständer, weil er nicht in das Gebäude kam. Ich habe das permanent präsente Problem der Stufen einfach ein bisschen weiter gesponnen.

Gibt es für Sie einen Ort der Kreativität?
PHIL HUBBE: Auch das ist sehr unterschiedlich. Manchmal gibt es Phasen, da sitze ich in meinem Kämmerlein und es reicht aus, um gute Ideen zu finden. Andererseits erreicht man aber auch Punkte, da muss man raus. Dann ist die Ostsee, wirklich weg vom Alltagstrott und den anderen Zeichnungen, den politischen Karikaturen, der richtige Ort, um auf neue Ideen zu kommen. Für diese spezielle Thematik ist es wichtig, sich nur auf das Thema Behinderung einzulassen. Da braucht man Ruhe.

Ihre Bücher werden über den Buchhandel vertrieben. Dort treffen sie auch auf nichtbehinderte Leser. Darf der über behinderte Menschen lachen?
PHIL HUBBE: Ich denke schon. Wenn nicht, dann würde ich diese Zeichnungen nicht machen. Die Rückmeldungen von Behinderten und Nichtbehinderten sind fast durchweg positiv. Das sieht man besonders gut im Gästebuch auf meiner Website. Ich teste Zeichnungen auch, z.B. bei Behindertengruppen, die eine ganz andere Behinderung haben als ich. Die Resonanz ist überwältigend. Für die Betroffenen ist ein Humor wichtig, der sie selbst nicht ausspart. Viele Kommentare auf Ihrer Internetseite sprechen von wahrer Erleichterung oder Entkrampfung. Gerade Menschen ohne Behinderung äußern solche Gefühle.

Für wen ist eigentlich ein Behinderten-Cartoon wichtiger, für Nichtbehinderte oder für Behinderte?

PHIL HUBBE: Ein Cartoon soll unterhalten, die Leute sollen darüber lachen können. Manchmal nutzen Betroffene die Zeichnungen, um auf ihre Problem aufmerksam zu machen, sie legen eine neue Bedeutungsschicht dazu. Plötzlich ist es mehr als eine Witzzeichnung, sie hat für diese Gruppe von Lesern eine besondere Gewichtung. Aber ich möchte auch ganz gerne, dass es nicht nur Zeichnungen für Betroffene sind, sondern ich möchte, dass auch der angeblich „Normale“ sich das genauso anschaut. Vielleicht guckt jeder mit einem anderen Blickwinkel, aber ich möchte keine Einteilung in „Die“ und „Wir“. Vielleicht gibt es Menschen, denen es so schlecht geht, dass ich ihnen persönlich die Zeichnungen nicht zeigen wollte. Doch das kann ich nicht steuern. Die Mutter eines an MS Verstorbenen aus meiner Selbsthilfegruppe, die ich kürzlich traf, lehnte die Behindertencartoons ab, obwohl sie meine Pressezeichnungen schätzt. Ich respektiere ihre Einstellung, aber ich möchte nicht, dass mir jemand vorschreibt, ob ich diese Art Zeichnungen machen darf oder nicht. Das will ich doch alleine entscheiden.

Kommen wir zur Grenze, zur Sch(m)erzgrenze: Gibt es eine Kontrollinstanz in Ihnen oder für Sie, die eine Grenze zieht? Was geht und was nicht?
PHIL HUBBE: Die erste Kontrollinstanz ist bei mir die Frage, ob der Witz funktioniert oder nicht. Eine zweite, ob man das machen kann oder nicht, das entschiede ich immer selbst. Ich lege keinem einen Entwurf vor: Ich bin die letztendlich entscheidende Instanz. Eine feste Grenze sehe ich für mich nicht. Die Grenze verschiebt sich auch im Laufe der Arbeiten. Nur an einer Grenze mache ich halt: Ich zeichne nichts, von dem ich nichts verstehe, von dem ich keine Ahnung habe. Ansonsten ist es meine subjektive persönliche Entscheidung und mein Verständnis von Humor, der zuweilen auch recht schwarz ist, ob ich mich einem Thema zuwende. Am anderen Ende der Skala steht der flache Witz, der sich einfach über eine Behinderung lustig macht. Das würde ich mir auch versagen. Eine andere Kontrollinstanz ist ein befreundeter Kabarettist, mit dem ich mich austausche, der mir sagt, ob der Humor funktioniert. Aber wie gesagt: Die letzte Instanz, die entscheidet, bin immer noch ich.

Menschen mit Behinderung finden sich überall auf dem Globus. Sehen Sie in Ihren Zeichnungen auch internationale Situationen oder sind die Zeichnungen auf unser Land zugeschnitten?
PHIL HUBBE: Ich glaube, viele Zeichnungen funktionieren auch im Ausland. In der Schweiz, in Bern, sind sie auf einer Ausstellung gut ankommen und ein Behindertenmagazin aus Dänemark druckt jetzt die Karikaturen nach. Die Redakteure hatten Zeichnungen von mir auf der Rehacare gesehen, da müssen natürlich die Sprechblasen übersetzt werden. Auf einer Comicmesse im französischsprachigen Teil der Schweiz waren ebenfalls einige Zeichnungen zu sehen, und alle Cartoons wurden ins Französische übersetzt. Einige Sachen gehen nicht. Im Französischen existiert der Begriff MS als Motorschiff nicht. Der Cartoon „MS Rainer“ würde da nicht zünden. Aber ansonsten sind die Probleme der Betroffenen doch größtenteils die gleichen. Beim Humor ist es ein wenig anders. Zum Beispiel ist die Schweiz in dieser Hinsicht konservativer. Die Grenzen des Möglichen im Humor sind enger gezogen. Ein Schweizer Kollege von mir
konnte Zeichnungen nicht veröffentlichen und es entstand eine öffentliche Debatte. Man wollte, dass er seine Zeichnungen zusätzlich erkläre. Das geht nicht. Ich kann keine Zeichnung machen, die ich mit Gebrauchsanweisung erklären muss. Wem’s gefällt, gefällt’s. Und wer sich wirklich eindenkt, der versteht es auch, der braucht keine Beschreibung daneben oder einen Hinweis, ob er lachen darf oder nicht. Die Zeichnungen sind von der Thematik her international, denn die Probleme gibt es überall.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Thomas Golka, Berlin im Mai 2007
 

 

Zur Person

Porträt von Phil Hubbe
 
Phil(ipp) Hubbe, 1966 in Haldensleben bei Magdeburg geboren. Nach dem Abitur 1984 wollte er eigentlich Kunst studieren, was nicht gleich klappte. „Ersatzweise“ studierte er ein Semester Mathematik, um zu erkennen, dass das nichts wird. Er jobbte dann als Schichtarbeiter und bereitete sich auf einen zweiten Versuch in Richtung Kunststudium vor, als er 1988 während eines Schubs die Diagnose Multiple Sklerose (MS) erhielt.

Von einem Grafikstudium riet der Arzt ab, die Wende kam und Hubbe „hing ohne Ausbildung in der Luft“. Er zeichnete aber weiter. Ab 1992 hat er begonnen, von seinen Zeichnungen zu leben, die er Werbeagenturen, Tageszeitungen und Ministerien anbot. Er veröffentlichte seither zwei Bücher, machte etliche Ausstellungen und erhielt 2002 einen Preis für politische Karikatur sowie 2006 den Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe.
 

Zum Thema: WIR 2/2007

Die Titelseite des WIR-Magazins 2/2007

Das Interview ist erschienen in der WIR 2/2007.
Thema: Sch(m)erzgrenze: Humor und Behinderung – eine komische Kombination

 

Fotos

Impressionen der Vernissage zu Phil Hubbes Ausstellung im Potsdamer Oberlinhaus
 

Phil Hubbe zum Hören