Schneider_Börner

Über Kreativität mehr Power im Alltag

November 1998

 

Zur Person

Christa Schneider
Christa Schneider, 42 Jahre, absolvierte eine Ausbildung als Erzieherin und ist seit viereinhalb Jahren im Bereich Ambulant Betreutes Wohnen als pädagogische Mitarbeiterin tätig. Sie studierte vor ihrem Dienstantritt bei der Fürst Donnersmarck-Stiftung Kunst und Sozialwissenschaften und hat in beiden Studiengängen mit dem Medium Film zu tun gehabt (Filmseminare und Produktion eines Trickfilms).
 
Uwe Deutsch-Börner
Uwe Deutsch-Börner, 45 Jahre, ist seit 1992 bei der Fürst Donnersmarck Stiftung in der Wohngemeinschaft Weichselstraße beschäftigt, verheiratet, hat einen Sohn und verschiedene Berufe erlernt und darin gearbeitet: Fotograf, Feinmechaniker, Erzieher.
 

Interview mit Christa Schneider und Uwe Deutsch-Börner

WIR: Der Videoclub hatte im Oktober dieses Jahres sein Filmfest, auf dem Produktionen der Gruppe vorgestellt wurden. Wie entstand der Filmclub?

Uwe Deutsch-Börner (U.D.-B.): Es fing 1997 damit an, daß der Manfred Schankin, Rollstuhlfahrer und Bewohner einer Wohngemeinschaft, in seiner freien Zeit, sonnabends und sonntags, seine Welt mit der Kamera einfing. Von morgens bis abends war er in Berlin unterwegs und hat alles gefilmt.

Christa Schneider (C.S.): Ja, genau, wir wollten, daß Herr Schankin sein Hobby ausbaut. Er hatte eine Vorliebe für seine Kamera und war auch schon einmal bei einem Schnittkurs gewesen. Leider war der Kurs für ihn zu schwierig. Eine zweite Wurzel bildete ein Gespräch mit Frau Moltrecht [Leiterin des Betreuten Wohnens,Anm.d.Red.], die nach der Anschaffung einer Kamera anregte, auch einmal in Richtung Selbstvorstellung der Bewohner zu denken. Dann sagten wir uns beide, warum gründen wir nicht einen Videoclub. Wir nahmen Kontakt mit allen Wohngemeinschaften sowie Einzelwohnern auf und fragten, wer Interesse hat. Es meldeten sich letztlich zwölf Leute. Zwei Teilnehmer sind leider abgesprungen, einer ziemlich schnell und eine mitten in der Arbeit, aber die anderen sind kontinuierlich erschienen. So trafen wir uns mit den verbliebenen zehn Teilnehmern zweimal im Monat.

WIR: Welche Motive bewegten die Bewohner des Betreuten Wohnens, soviel Zeit in das Projekt Videoclub zu stecken?

C.S.: Ich glaube, Video ist für die Bewohner ein Ausdrucksmittel. Es war stets unser Konzept, ihnen ganz viel Raum für ihre Ideen zu geben. Wir wollten nichts Aufoktroyiertes, was in unserem eigenen Kopf herumläuft, sondern...

U.D.-B.: ... die zehn sollten sich in den Prozeß des Aufbaus des Videoclubs über ihre eigenen Phantasien hineinschenken.

C.S.: Es war für den Start des Projekts eigentlich von Vorteil, daß wir selbst Laien waren. Auch wir mußten uns fragen: Wie kann man sich dem Medium Film spielerisch nähern? Jemand, der sich gut auskennt wie unser Medienpädagoge, der den Schnitt für uns erledigte, kann sich manchmal gar nicht mehr vorstellen, warum man als Laie dieses oder jenes nicht versteht. Und wenn wir dann selbst gar nicht wußten, wie es geht, waren wir näher an den Teilnehmern dran.

U.D.-B.: Wir hatten auch unsere Vorurteile gegenüber dem Medium. Ich habe immer schräg geguckt, wenn ich im Zoo andere Familienväter mit der Videokamera gesehen habe. Wir machten gemeinsam den Schritt an die Kamera, um zu fühlen, um zu schauen. Das fand ich als Erfahrung sehr interessant.

C.S.: So startete ein unglaublicher Ideenfluß bei den Teilnehmern. Da wir alle Laien waren, gab es keine Barriere zwischen denen, die alles konnten, alles wußten, und denen, die sich ein Verständnis von allem erst erarbeiten mußten. Wir standen zusammen an der Startlinie. Das führte zu einem hohen Motivationsniveau bei allen Teilnehmern.

WIR: Am Anfang wurden Interviews gedreht. Nach welchen Kriterien haben Sie denn die fiktiven Filme gedreht?

C.S.: Nein, nein, erst haben wir Unterhaltungsfilme gedreht. Wir wollten von Beginn an beides machen, Unterhaltung und Interviews, Selbstdarstellung. Wir führten erst autodidaktisch einen "Grundkurs im Videofilmen" durch und erprobten praktisch alle Elemente, die zum Film gehören: Schauspielerei, Schminken, Geräusche, Beleuchtung, Licht.

U.D.-B.: Wir haben zuerst Geräusche produziert, anschließend mit verschiedenen Folien vor dem Scheinwerfer experimentiert, mit blauen und roten Filtern. Wir haben ein paar Experimente gemacht, das war, wie gesagt, unsere Art, sich dem Medium spielerisch zu nähern. Die inhaltlichen Vorstellungen und Phantasien kamen dann ganz schnell von den Teilnehmern. Wir hatten kein konkretes Drehbuch oder fertiges Konzept. Wir besprachen in einem kleinen Saal der Villa Donnersmarck, was die Gruppe jetzt eigentlich will.

C.S.: Ein Videoclubber hatte schon bei einem Videoprojekt teilgenommen. Er wollte von Anfang an gern "Ein Münchner im Himmel" drehen. Und schon zu Beginn kam auch die Idee zu "Die Schöne und das Biest". Wir suchten nach einigen wenigen Requisiten und realisierten die Ideen. Ich möchte gern von einem Ereignis erzählen, das mir typisch erscheint. Es gab eine Szene mit einem Koch. Herr Neumann, der den Koch spielte, und wir überlegten gerade zusammen, welche Geräusche in der Szene auftauchen sollten. Und natürlich traten all die Probleme beim Spiegelei Braten auf, die für ihn mit seinen Einschränkungen auch im realen Leben von Bedeutung sind. Hier sieht man die Brücke zu der Selbstdarstellung des Betreuten Wohnens und seiner Bewohner. Das Fiktive war häufig mit dem realen Alltag verknüpft: Bei " Die Schöne und das Biest" spielte die reale Beziehung der beiden Protagonisten eine Rolle und bei "Ein Münchner im Himmel" mit dem Thema Alkohol berührten wir auch ein Thema aus dem Alltag.

WIR: Wie sieht denn die Beteiligung der Videoclubber vor und hinter der Kamera aus?

C.S.: Am Anfang versuchten wir, allen auch einmal die Kamera in die Hände zu geben. Das erwies sich als zu schwierig. Aber nur Herr Schankin, der sich auch schon mit Kameraführung auskannte, übernahm die Arbeit hinter der Kamera. Für die anderen hätten wir einen richtigen Videokurs gebraucht. Das wäre für unser Projekt, das auch noch Filme produzieren wollte, zu viel gewesen. Aber Ideen lieferten die Teilnehmer in ungeheurer Fülle. Ich bewahre jetzt die Ideen, die wir nicht in einen der Filme packen konnten, in einem Heft auf, genug für weitere Projekte. Außerdem schauspielerten sie und führten Regie. Sie achteten sehr genau darauf, das alles stimmte: Da hast du dich doch jetzt verbrannt, das hat sehr weh getan, das mußt du zeigen.

 
Eine Gruppe von Rollstuhlfahrern mit ihren Betreuern
 

WIR: Welchen Stellenwert hat das Videomachen im pädagogischen Konzept des Betreuten Wohnens?

C.S.: Die Kamera erleichtert das Sichpräsentieren, es ist nicht so direkt wie beim Theater, wo man dem Publikum quasi ins Gesicht guckt. Es ist ein mittelbarer Kontakt zum Zuschauer. Wir haben auch einmal mit Schattenspiel experimentiert, wo der Darsteller vom Publikum auch durch ein Medium getrennt ist, sich nicht so direkt zeigen muß. Aber ich glaube mit dem Medium Video, daß eine schnelle Kontrolle der Ergebnisse und viel Spontanes zuläßt und einen Darsteller doch nicht so unter Druck stellt wie beim Theaterspielen, haben wir schon das richtige Medium gewählt. Wenn man auf Video dreht, darf man auch Fehler machen. Rollenwechsel zu üben, ist sicher ein Vorteil vom Videofilmen. Wenn z.B. unser Sunnyboy einen Mörder spielt, und das noch sehr abgründig und schrecklich, oder wenn Herr Lietze, unser Kommissar, eine Rolle annimmt, sie für sich strukturiert und ausbaut. über diese Kreativität bekommt man eine andere Lebenslust, und dann, wenn man mehr Lebenslust hat, gewinnt man auch im Alltag mehr Power.

WIR: Am 4. Oktober, in der Villa Donnersmarck, war es dann soweit: Das Filmfest ging über die Bühne. Was hat Sie bewogen, ein Fest zu gestalten?

U.D.-B.: Aus verschiedenen Behindertenbereichen, z.B. aus Buch, von der Lebenshilfe, vom Begegnungszentrum Integral und ...

C.S.: ... auch aus der Fürst Donnersmarck-Stiftung, von den betreuten Wohngemeinschaften, vom betreuten Einzelwohnen waren Besucher da. Ich glaube, es war ein schöner Erfolg für die Gruppe. Ich erhielt Rückmeldungen auf einer Weiterbildung unmittelbar nach dem Fest von Kollegen der Lebenshilfe, die von Bewohnern der Lebenshilfe erzählten, die sehr begeistert über unser Fest berichtet hatten.

WIR: Und welches waren Ihrer Meinung nach Höhepunkte an dem Kinoabend?

C.S.:
An diesem Abend hat Herr Neumann, der Meisterkoch aus dem Film, für alle Gäste Spiegeleier gebraten. Er war ganz gefangen von seiner Aufgabe. Auch hier war wieder die Verknüpfung von Fiktivem und Realem spürbar. Ein weiterer Höhepunkt des Abends bildete die Preisverleihung. Die Gruppe erhielt einen echten Oscar mit Gravur. Und allen Teilnehmern der Gruppe überreichten wir Urkunden, auf denen speziell hervorgehoben wurde, wodurch sie sich während des Projekts besonders ausgezeichnet hatten.

U.D.-B.: Auch die Autogrammbörse soll nicht unerwähnt bleiben: Wir hatten kleine Autogrammfotos der Darsteller besorgt, auf denen unsere Stars eigenhändig unterschrieben. Davon machten die Gäste des Filmfestes regen Gebrauch.

WIR: Wenn wir in die Zukunft schauen: Können Sie sich Kontakte mit anderen Videogruppen vorstellen? Wie geht es weiter?

C.S.: Die Experimentierphase ist praktisch abgeschlossen, und jetzt kann man gucken, wie man das Vorhandene ausbauen, verbessern kann. Wir haben in der Zwischenzeit durch Vermittlung unseres Schnittmeisters, Herrn Holzhauer, auch noch eine Livesendung im Offenen Kanal gestaltet, eine Talkrunde, die die Bewohner moderierten und zwischen den Livegesprächen wurden MAZ-Bänder [Magnetische AufZeichnung, Anm. d. Red.] mit Interviews von Bewohnern aus verschiedenen Wohngruppen eingespielt. Ideen haben wir genug. Z.B. könnten wir die Sendungen im Offenen Kanal regelmäßig weiterführen. Dennoch machen wir erst einmal eine Pause, um unsere Kräfte zu sammeln. Denn dieses Projekt ist abgeschlossen, und wir alle können nicht unbegrenzt Zeit in solche Projekte stecken.
Apropos Schnitt, wir hatten Kontakt zu einem Medien-Pädagogen, Herrn Holzhauer, hergestellt, der auch den Schnitt für uns durchführte. Das war eine Menge Arbeit, von der leider unsere Videocluber nicht so viel mitbekommen haben, da es keine behindertengerechten Zugänge zu den Schnittplätzen gab.

 
Der Oscar

WIR: Eine allgemeine Frage zum Schluß: Was halten Sie für das Besondere des Videofilms in der Arbeit mit Behinderten?

U.D.-B.: Eines, was mir so spontan gleich einfällt, ist die Tatsache, daß man das Ergebnis sofort anschauen kann. Man kann - anders als beim Fotografieren - jede kleine Szene gleich nach Drehschluß in den Videorecorder schieben. Es ist so unmittelbar, man sieht sich selbst in der augenblicklichen Verfassung.

C.S.: Die Spieler gewinnen einen Abstand zu sich. Sicher mußten sie sich daran gewöhnen, sich selbst zu sehen. Teilweise löste das auch ein "Oh Gott, wie sehe ich aus" aus, aber wir hatten das Gefühl, daß die Teilnehmer des Videoclubs zum Schluß sehr vertraut damit waren, sich selber anzuschauen, sich selbst zu akzeptieren, wenn Sie so wollen. Beispielhaft ist für mich unser Fernsehauftritt. Hier konnten sich die Gruppenteilnehmer im Fernsehen zeigen, anderen Menschen zeigen. Das war etwas Besonderes, denn behinderte Menschen sind in den Medien nicht so sehr präsent. über die Interviews konnten wir als Videoclub auch anderen, die sonst große Hemmungen haben, sich öffentlich im Fernsehen zu äußern, per Videointerview Präsenz geben.

Ich möchte gerne allen, die uns Interviews gaben, danken. Wir sind stets sehr offen empfangen worden, die Interviewten waren immer sehr freundlich, wenn auch ein wenig aufgeregt, wenn wir kamen. Dennoch hatten sie ihren Spaß daran, uns aus ihrem Leben zu erzählen. Aufgrund dieser Interviews in den Wohngemeinschaften entwickelte sich auch die Idee, Frau Moltrecht und den Geschäftsführer der Fürst Donnersmarck-Stiftung, Herrn Schrödter, zu befragen, eine neue Dimension des Austauschs. ´

Wir: Vielen Dank für das Gespräch!