Interview mit Sebastian Dietz

Collage: Sebastian Dietz aus der Entfernung bei einem Wettbewerb, Nahaufnahme von Dietz beim Kugelstoßen, Promo-Foto von Dietz im Deutschland-Leibchen und mit Kugel in der Hand

Foto: Montage: FDST; oben links: Behinderten- und Rehabilitationssportverband Berlin e.V.; unten links: Thomas Diekenbrock; rechts: Alexander Rutkowski

Der zweifache Paralympics-Sieger Sebastian Dietz in seinem Element

 
 

„Wer Europameister werden will, muss auch mich schlagen!“

Aktuell finden in Berlin die Para Leichtathletik Europameisterschaften statt. Unter den Top-Athleten der deutschen Mannschaft ist auch der zweimalige Paralympics-Sieger Sebastian Dietz (33). Dietz war 2004 nach einem Autounfall zunächst vom Hals abwärts gelähmt, erarbeitete sich durch intensive Rehabilitation und viel Ehrgeiz jedoch viele Fähigkeiten zurück. WIR haben im Vorfeld mit ihm über die EM und Parasport gesprochen:

 

WIR: Hallo Herr Dietz, danke dass Sie sich Zeit für das Interview genommen haben – wie ist das Wetter in Westdeutschland gerade? Berlin gleicht einem Backofen.

Sebastian Dietz: Das hätte ich auch gerne hier. Hier ist es heute leider ein bisschen bewölkt. Zwar warm, aber nicht so schön, wie ich es mir wünsche.

WIR: Ist das warme Wetter gut für Ihre Vorbereitung?

Dietz: Für mich persönlich ist es sehr gut,  ja. Wenn es warm ist, werden die Nerven deutlich elastischer als bei Kälte und das hilft mir mit meiner Behinderung, bzw. den spastischen Lähmungen beim Sport machen. Von daher habe ich es lieber warm.

WIR: Also kommt Ihnen dieser Ausnahmesommer in der Vorbereitung gerade entgegen.

Dietz: Ja total. Ich hoffe, dass er bis zum Wettkampf auch hält.

WIR: Sie haben zwei Mal Gold bei Paralympics geholt, Gold bei Weltmeisterschaften. Gibt es da einen ganz besonderen Moment?

Dietz: Puh, das ist ganz schwer zu sagen - jede Medaille hat seine eigene Geschichte.  Und jeder Erfolg ist ein harter und schwieriger Weg. Sportlich war sicherlich 2012 in London was Großartiges. Mein Ziel war es, an den Paralympics teilzunehmen. Das zu  verwirklichen und gleich Gold zu gewinnen, war natürlich traumhaft. Grundsätzlich sind mir alle Medaillen sehr viel wert und es ist für mich eine Ehre, für dieses Land anzutreten.

WIR: Bei der EM haben Sie ja noch keine Goldmedaille geholt. Soll die diesen Monat dazu kommen?

Dietz: Das ist richtig, bei der EM habe ich noch nie Gold geholt, ich bin also noch kein Europameister. Dieses Jahr im eigenen Land ist natürlich eine Riesenchance. Das Ziel ist es auf jeden Fall, dann auch endlich Europameister zu werden. 

WIR:  Sie sind also zuversichtlich, dass es klappt? 

Dietz: Bei so einem Wettkampf kommen immer viele Schwierigkeiten zusammen. Meiner Konkurrenz gegenüber wäre es unverschämt zu sagen: „Ich gewinne einfach Gold.“ Da muss man respektvoll mit umgehen – gewinnen will jeder. Klar ist aber auch: ich bin Paralympics-Sieger und Weltmeister. Wer Europameister werden will, muss auch mich schlagen! Ich muss selbst das Beste rausholen, ich habe Respekt vor meinen Konkurrenten, dass Sie mich schlagen wollen, werde das aber nicht zulassen.
WIR: Hatten Sie schon viele Wettkämpfe im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin? Ist er Ihnen in guter Erinnerung?

Dietz: Ja, schon mehrere. Ich hatte 2005 sogar meine ersten deutschen Meisterschaften dort. Aber auch durch weitere Meisterschaften und den Grand Prix* sind wir jährlich in Berlin und ich stoße in dem Stadion. Ich hoffe, dass noch das ein oder andere gemacht worden ist am Kugelstoßring. Der hatte zuletzt ein paar Nachbesserungen nötig.

* World Para Athletics Grand Prix

WIR: Gibt es irgendwas, worauf Sie sich besonders freuen mit Berlin als Veranstaltungsort? 

Dietz: Grundsätzlich ist es für uns Para-Athleten schön, dass wir die Chance haben, den Menschen in Deutschland und Berlin die Para Leichtathletik zu zeigen und näher zu bringen. Ich hoffe, dass es für alle ein Zeichen ist, dass man jeder Gruppe, jedem Menschen gegenüber respektvoll sein sollte. Wir wollen zeigen, dass wir mutig sind, Leistung bringen und Spaß daran haben.

WIR: Wie haben Sie nach Ihrem Unfall eigentlich den Zugang zur Para Leichtathletik gefunden? Können Sie uns diesen Weg kurz nachzeichnen?

Dietz: Es war so, dass meine Familie sich im Internet zum Parasport schlau gemacht, immer wieder versucht hat, mir das zu zeigen, und mich zu begeistern. Ich war aber am Anfang sehr bockig und wollte nach meinem Unfall gar nichts mit Sport zu tun haben. Irgendwann habe ich aber gesagt: „Okay komm, dann gucke ich mir das mal an.“ Ich habe dann die Internetseite von Wojtek Czyz, einem anderen Para Athleten*, gefunden,  gesehen, was er macht und bereits geleistet hat, und ihn daraufhin angeschrieben. Zum Glück hat er mir geantwortet und mir geholfen in die Paraleichtathletik zu kommen. Er hat mir gezeigt, wo ich hingehen kann und welche Chance ich bekomme. So habe ich einen Verein gefunden, konnte trainieren und mich entwickeln.

* Sprint & Weitsprung, 4x Gold, 1x Silber, 2x Bronze bei paralympischen Spielen

WIR: Sie haben ja 2012 in London Gold im Diskuswurf geholt. Mittlerweile ist Diskuswurf in Ihrer Klassifizierung aus dem Programm genommen. Was hat es damit auf sich? 

Dietz: Ja, das ist ein ganz schwieriges Thema. Es war hart für mich, dass im Jahr nach meinem ersten Medaillengewinn gesagt wurde, dass es nicht mehr paralympisch sein wird. Welche Entscheidung oder Gründe dahinterstehen, wurde mir nie genau erklärt. Das hat das internationale Komitee entschieden. Es wird immer versucht, ein sauberes Programm zu bekommen, wo alle Athleten eine Chance haben, das interessant für Zuschauer ist und wo Frauen und Männer gleichermaßen vertreten sind. Der Diskuswurf in meiner Klassifizierung ist da unter den Rotstift gekommen. Aber so ist das eben manchmal, es war für mich sehr traurig, aber ich musste es so akzeptieren.

WIR: Dann halt im Kugelstoßen! 

Dietz: Genau - ja! (lacht)

WIR: Wie sieht denn jetzt während der Vorbereitung Ihr Trainingsplan aus? 

Dietz: Jetzt kurz vor dem Wettkampf geht es darum, Muskulatur und Kraft zu halten sowie verletzungsfrei zu bleiben. Im Kugelstoßen muss man ja eine gewisse Schnelligkeit entwickeln und die Kugel beschleunigen. Dementsprechend kleinere, zügige Übungen wie Sprints, Sprünge oder schnelle Kraftübungen. Ist der Wettbewerb weiter weg, ist der Umfang der einzelnen Trainingseinheiten höher.

WIR: Arbeiten Sie nebenbei noch oder sind Sie Vollzeit-Athlet? 

Dietz: Ich bin mittlerweile Vollzeit-Athlet, habe aber früher noch als Bürokaufmann gearbeitet. Jetzt konzentriere ich mich voll auf den Sport. Ich trainiere sechs Tage die Woche, zwischen vier und sechs Stunden pro Tag, um ganz oben dabeizubleiben. 

WIR: Wie sieht es denn in der Para Leichtathletik hinsichtlich Prämien und Sponsoren aus? 

Dietz: Grundsätzlich ist es natürlich schwierig, wie in jeder Sportart. Wirklich ausklammern lässt sich da nur der Profi-Fußball, vielleicht noch Handball und Basketball. Sponsoren zu finden, ist harte Arbeit – natürlich auch ein „Klinken putzen“: Was hat man vor? Was möchte man vom Unternehmen? Was kannst du dem Unternehmen bieten? Man bekommt kein Geld geschenkt, es ist immer mit einer Gegenleistung verbunden – deswegen müssen beide Seiten fair miteinander arbeiten. Mir ist es gelungen Partner zu finden, die zu mir passen. Aber es gibt noch viel zu tun, um jungen Athleten  den Einstieg in den Profisport einfacher zu machen.

WIR: Die Wahrnehmung und Präsenz in der Öffentlichkeit hängt damit ja auch zusammen – hat sich die öffentliche Wahrnehmung des Para Sports Ihrer Meinung nach geändert?

Dietz: Ja, grundsätzlich hat sich das schon geändert und weiterentwickelt. Wir sind auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel. Es ist wichtig, dass alle deutschen Sportler und Sportarten in den Medien präsentiert werden und Medienmacher ihrem Auftrag da nachkommen. Besonders die Öffentlich-Rechtlichen, die mittlerweile sehr viel tun. Ich denke, das Interesse ist da. Ich werde immer gefragt, wo man die Wettkämpfe sehen kann. Früher war die Aufmerksamkeit im Vier-Jahres-Rhythmus an die Paralympics gebunden. Mittlerweile ist auch in den vier Jahren dazwischen immer wieder mal etwas zu sehen. Man hofft als Sportler, dass es immer besser wird. Wir Athleten müssen den Sport aber auch interessant machen und uns zeigen.

WIR: Aber grundsätzlich sind Sie positiv gestimmt und sehen gute Aussichten, auch für nachfolgende Generationen? 

Dietz: Die Aussichten sind gut. Ich bin froh, dass etwas passiert, ich bin froh, dass man sich Mühe gibt. Aber wir sind noch nicht da angekommen, wo wir ankommen müssten. Andere Länder sind uns da etwas voraus. Es ist Platz neben den anderen Sportarten – es ist nicht leicht, aber wir Athleten geben unser Bestes und wollen zeigen, dass wir Hochleistungssport treiben. Dass die Leute daran Spaß haben und wir mehr Öffentlichkeit bekommen.

WIR: Welche Länder sind Deutschland voraus und sollten Vorbild sein?

Dietz: Großbritannien ist da auf jeden Fall ein ganzes Stück weiter. Die übertragen sehr viel, die machen auch sehr viel in der Hinsicht. Frankreich hat sehr viel getan hinsichtlich der Übertragungsrechte. Das sind Länder, die in der Öffentlichkeit mehr zeigen – auch zu einer Weltmeisterschaft. Ich glaube, wir haben zur EM gute Chancen. Letztes Jahr bei der EM in London hatten wir keine gute Repräsentation – da hat man das anfangs sehr verschlafen und später gemerkt, dass man was tun muss, als die Wettkämpfe schon liefen. Das war schade und traurig, jetzt hoffen wir einfach, dass die EM angenommen wird, die Leute davon sehen, lesen und hören wollen und die Medien entsprechend berichten.

WIR: Gerade  läuft ja bereits die Leichtathletik-EM. Die Paraleichtathletik-EM startet erst in zwei Wochen. Das ist ja immer so, aber wäre es vor dem Gedanken der Inklusion nicht sinnvoll, die Veranstaltungen miteinander zu verknüpfen?

Dietz: Ganz schwierig. Das sind zwei Riesen-Events. Ich glaube, es wäre schwierig, das in einem Event zusammenzufassen. Wir wollen ja auch, dass jede Sportart jeweils gut repräsentiert wird. Stellen Sie sich mal vor, es laufen gleichzeitig Speerwurf der Männer bei der EM und mein Kugelstoßen. Da wären weder Thomas* noch ich begeistert, wenn vom anderen nichts gezeigt werden würde. Inklusion heißt ja auch nicht, dass man immer alles auf eine Schiene heben muss. Es geht geht ja eher darum, dass man die gleichen Chancen bekommt. Ich finde es weit hergeholt zu sagen: „Wenn die im Olympiastadion sind, dann müssen wir zur selben Zeit, zum gleichen Moment, im gleichen Atemzug dort sein!“ Das hat für mich nicht viel mit Inklusion zu tun. Das hat eher was von Verdrängung. Ich denke, wir können gemeinsam viel für den Sport tun – olympisch wie paralympisch gemeinsam. Wir haben super Athleten in beiden Bereichen. Wenn wir uns zusammentun, können wir viele Menschen begeistern. Das tun wir ja zum Großteil bereits. Das macht Spaß und das ist Inklusion: Gemeinsam etwas erreichen.

* Thomas Röhler, dt. Speerwerfer

WIR: Mal abgesehen vom Kugelstoßen natürlich: Welche Disziplin sollte man Ihrer Meinung nach auf gar keinen Fall verpassen? 

Dietz: Auf jeden Fall sind die Laufdisziplinen 100-, 200- und 400-Meter immer spektakulär. Da haben wir super Jungs und Mädels dabei, die richtig was draufhaben. Der Weitsprung der Männer wird auch sehr spektakulär mit Heinrich Popow und Markus Rehm. Dann der Speerwurf mit Matthias Mester. Wir haben so eine Vielfalt, dass ich sage: es lohnt sich immer ins Stadion zu kommen und uns zuzugucken. Ich kann den Leuten versprechen, dass wir alles geben werden, um sie zu begeistern und ihnen Spaß zu bereiten.

WIR: WIR gratulieren übrigens noch zu Ihrer Hochzeit dieses Jahr!

Dietz: Dankeschön.

WIR: Sie haben Ihren Hochzeitsgästen Tickets für die Para Leichtathletik EM geschenkt. Wie kamen Sie auf die Idee?
Dietz: Zum einen ist es natürlich schön, dass wir dieses Jahr in Deutschland diese Europameisterschaft haben. Es ist eine Chance, Freunden und Familie den Sport näher zu bringen, die nicht mit nach Rio oder London fliegen können, um mir zuzugucken. Zum anderen verbindet Sport meine Frau und mich sehr. Ich trainiere ihre Fußballmannschaft und sie ist bei all meinen großen Wettkämpfen dabei gewesen. Schon 2012 in London hat sie mich angefeuert, als wir gerade acht Monate zusammen waren. Der Sport verbindet uns und daher war es ein schönes, nicht alltägliches Gastgeschenk.

WIR: Dann hoffen wir mal, dass Sie Ihren Hochzeitsgästen auch entsprechend ein Highlight bieten.

Dietz: Ich gebe mir Mühe. (lacht)

WIR: Wir wünschen Ihnen auf jeden Fall ganz viel Erfolg, tolle Wettkämpfe und viel Spaß. Vielen Dank für das sehr nette, angenehme Gespräch Herr Dietz.

Dietz: Vielen Dank. Sehr gerne, es hat mir Spaß gemacht und ich hoffe, dass ich vielleicht einige Leserinnen und Leser für die Para-Leichtathletik begeistern konnte.

 
Sebastian Dietz nach dem EM-Sieg mit Deutschlandfahne in der Hand, neben ihm das Maskottchen der Para Leichtathletik EM - Para Panda Max

24.08. 2018: Sebastian Dietz feiert mit Para Panda Max vor der Fan-Kurve seinen EM-Sieg.

 
 

Der Wettkampf fand am 23.08. statt. Dietz konnte sich seinen Traum erfüllen und den Titel Europameister in seiner Vita hinzufügen. Die Redaktion der WIR und die Fürst Donnersmarck-Stiftung gratulieren zu diesem Erfolg.

Das Interview führte Nico Stockheim.

 
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